Russische Militärflugzeuge über der Nord- und Ostsee, dem Atlantik und dem Schwarzen Meer – das ist zunächst einmal völlig legal und kam auch in der Vergangenheit immer wieder vor. Die Nato hatte eine ungewöhnliche Häufung solcher Vorfälle in den vergangenen Tagen festgestellt. Vorsorglich wurden die Bomber und Kampfflieger von Jets des Bündnisses abgefangen und begleitet, auch das ist Standard. Die russischen Maschinen bewegten sich in internationalem Luftraum und waren nicht verpflichtet, per Transponder ihre Position und Kennung mitzuteilen oder ihre Flugpläne mit der zivilen Flugsicherung abzustimmen. Das muss nicht zwingend gefährlich sein, doch macht es den Luftraum etwas unübersichtlicher.

Die Nato und ihre östlichen Mitglieder sind aber nicht nur deshalb beunruhigt, weil sie einen Zusammenstoß der Militärjets mit zivilen Flugzeugen befürchten. Für sich genommen ist jedes einzelne dieser Manöver etwas völlig Normales. Doch schon die Anzahl von bereits rund Hundert ähnlichen Vorfällen in diesem Jahr, dreimal so viele wie 2013, lässt ahnen: Etwas hat sich verändert. Deshalb sollte man die jetzigen Warnungen nicht als bloße PR der Nato abtun, die sich natürlich gegen Russland positioniert. Und erst recht sollte man diese Vorfälle nicht nur für sich betrachten. Dafür ist seit der russischen Annexion der Krim und Russlands Vorgehen im Konflikt mit der Ukraine zu viel passiert.

Russland hat parallel zu den Übungsflügen der Luftwaffe auch seine Spionageaktivitäten in den osteuropäischen Staaten enorm verstärkt. Der tschechische Geheimdienst etwa meldete in dieser Woche, eine "extrem hohe" Zahl russischer Geheimdienstoffiziere operiere derzeit von der russischen Botschaft in Prag aus. In Polen wurden zwei mutmaßliche russische Spione festgenommen, ein russischer Journalist verlor dort seine Akkreditierung, weil er ebenfalls der Spionage für Russland verdächtigt wurde.

Zwei Tage nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in den baltischen Staaten – er sicherte ihnen die uneingeschränkte Bereitschaft der Nato zu, sie gegen jede Aggression zu verteidigen – ließ der russische Geheimdienst in Estland einen Spionageabwehroffizier entführen. Und in der vergangenen Woche verletzte ein russisches Spionageflugzeug kurzzeitig den estnischen Luftraum – in den Augen von Nato-Diplomaten der schwerwiegendste Vorfall dieser Art seit dem Fall der Berliner Mauer.

"Eine Art der Krisenkommunikation"

Man kann all diese Dinge euphemistisch "eine Art der Krisenkommunikation" Russlands im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt nennen, wie der slowenische Ministerpräsident Miro Cerar. Es ist auch richtig und wichtig, wenn der estnische Luftwaffenchef Jaak Tarie vor Panikmache wegen der russischen Manöver warnt. Es ist ja nichts passiert, das eine direkte Bedrohung darstellte. Und Spionage, gut, das tun ja selbst befreundete Staaten untereinander.

Man kann es aber ebenso als den permanenten Versuch Russlands sehen, den Westen zu testen – ganz konkret, wenn es um die militärischen Abwehrfähigkeiten geht, und eher strategisch, wenn es um die politischen Reaktionen geht. Mindestens sollen die verstärkten Manöver ein Signal der Stärke senden: nach außen vor allem an die Nato-Staaten gerichtet und nach innen für die russische Bevölkerung.

Ohne Rücksicht auf internationales Recht oder Konventionen nutzt der russische Präsident Wladimir Putin nicht erst seit dem Ukraine-Konflikt jede Schwäche und Gelegenheit, den russischen Einfluss auf frühere Sowjetrepubliken in der Nachbarschaft und darüber hinaus auszuweiten. Etwa indem er Spannungen schürt und einfriert, Stellvertreterkriege auf Abruf schafft, wie in Südossetien, Abchasien, Transnistrien, Bergkarabach oder eben im Osten der Ukraine. Die Ängste der östlichen Mitgliedstaaten vor einer weiteren Aggression nimmt die Nato ernst. Provozieren lassen darf sich das Bündnis nicht, aber die jüngsten Vorfälle dürften zeigen, wie wichtig die Überwachung des Luftraums im Osten ist – und sei es nur, um zu signalisieren: Wir passen auf.