Semjon Sementschenko © Samopomytsch

Sitzen ist schlecht, der Kommandant mit Stock schreitet auf und ab. Semjon Sementschenko, Gründer des Freiwilligenbataillons Donbass will jetzt in die Politik, ins Parlament. Derzeit ist er in einem leeren Konferenzraum eines Kiewer Neubaus zu sprechen, Neonlicht, Tarnkleidung, die Tür von innen abgeschlossen. Sein Bataillon hat im Osten der Ukraine mit der regulären Armee und anderen Freiwilligen gegen Separatisten und Russen gekämpft, jetzt trainiert es in Dnipropetrowsk.

Sementschenko ist populär, seit er auf dem Maidan Teil der sogenannten Selbstverteidigungskräfte war. Als Kommandeur wurde er Ende August bei Ilowajsk verletzt. Bis dahin war er nur mit Sturmhaube aufgetreten. Erst seit ein paar Wochen wissen die Ukrainer, wie der Mensch hinter dem Kampfnamen Sementschenko aussieht. Das Gesicht des Kommandeurs ist jung und ein wenig betrübt, vom Mundwinkel läuft eine Narbe über die Wange.

Sementschenko ist nicht der einzige Kämpfer, der sich am 26. Oktober zur Wahl stellt, aber der bekannteste. Auf der Liste der kleinen Partei Samopomytsch hat er den zweiten Platz bekommen. Mitglieder anderer Freiwilligenbataillone kandidieren individuell oder für andere Parteien.

Nach dem Wendepunkt des Krieges

Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sagt Sementschenko, ein Clausewitz-Zitat. Der Holzstock ploppt mit dem Gummiende auf den Linoleumboden. Er habe erfahren, dass Erfolge im Krieg von der Politik relativiert oder zunichte gemacht werden können. Sementschenko spricht von den Rückeroberungen zwischenzeitlich von Separatisten besetzter Städte wie Slowjansk, von der Offensive der ukrainischen Armee, die mithilfe der Freiwilligen gelang – bis Ilowajsk. Dort wurden ukrainische Kräfte Ende August eingekesselt, weil Russland Truppen über die Grenze geschickt hatte. Viele Menschen starben. 

Die Niederlage von Ilowajsk gilt als Wendepunkt des Krieges, in dessen Folge der ukrainische Präsident Petro Poroschenko das Minsker Abkommen unterzeichnete, das einen Waffenstillstand vorsieht und den von Rebellen gehaltenen Regionen Donezk und Luhansk weitgehende Autonomierechte zugesteht. Der russische Präsident Wladimir Putin nennt diese Gebiete Noworossija.

Sementschenko ist mit dieser Entwicklung nicht einverstanden. Der Waffenstillstand gebe den Separatisten Zeit, sich in Noworossija zu verwurzeln und die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen. Was mit bewaffneten Söldnern begonnen habe, werde mehr und mehr zu einem echten Bürgerkrieg. Aber allein an der Front sei nichts auszurichten. In die Politik will er, um das System zu verändern. In erster Linie das militärische, weil er gesehen hat, wie schlecht die ukrainische Armee funktioniert, dass sie nicht nur mehr Waffen braucht, sondern auch anders organisiert werden muss.

Wahlkampfthema persönliche Verantwortung

Persönliche Verantwortung ist das Thema, mit dem Sementschenko im Wahlkampf in den Talkshows auftritt. In Ilowajsk sind 40 Mitglieder seines Bataillons getötet worden. Auch weil Generäle der ukrainischen Armee "aus Feigheit", wie Sementschenko sagt, dem eingeschlossenen Bataillon drei Tage lang nicht zu Hilfe kamen. Trotzdem seien sie noch Generäle. "Damit unsere Opfer nicht umsonst waren, müssen wir das jetzt bis zum Ende durchziehen."