Das Treffen war von Beginn an angespannt. Fast eineinhalb Stunden musste die Kanzlerin in ihrem Hotel in Mailand auf den Kreml-Chef warten, weil sich die Anreise des russischen Präsidenten aus Belgrad verzögerte. Dabei sollte das Treffen eigentlich vor dem für 20 Uhr geplanten Gala-Dinner für die Teilnehmer des europäisch-asiatischen Gipfeltreffens Asem über die Bühne sein. Und anders als den ukrainischen Staatschef Poroschenko empfing Merkel Putin dann nicht in ihrer persönliche Suite, sondern in einem nüchternen Konferenzraum des Hotels.

Als Putin das Hotel nach zweieinhalb Stunden gegen 1:30 Uhr verließ,  stand nur eines fest: Die Differenzen zwischen den beiden Regierungschefs in Bezug auf die Krise in der Ukraine bestehen weiterhin. Wie Putins Sprecher Dmitri Peskow noch in der Nacht bestätigte, gebe es noch immer erhebliche Meinungsverschiedenheiten über den Ursprung der innenpolitischen Krise in der Ukraine und die Ursachen für die augenblicklichen Ereignisse. Merkel und Putin hätten vor allem über die Kontrolle der Waffenruhe in der Ostukraine und die Gasversorgung gesprochen, teilte die Nachrichtenagentur Itar-Tass mit.

Mit dem Treffen wollten beide eine für Freitagmorgen geplante Spitzenrunde aus EU-Politikern mit Putin und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko vorbereiten. Am Rande des europäisch-asiatischen Gipfeltreffens sind sowohl ein direktes Gespräch beider Präsidenten als auch ein Treffen mit Staats- und Regierungschefs der EU geplant. Dabei soll es um den Konflikt in der Ostukraine und den Gasstreit zwischen den beiden Ländern gehen.

Putin wirft Obama Feindseligkeit vor

Doch der Kreml-Chef hatte pünktlich zu dem geplanten Treffen in Mailand den Ton gegenüber dem Westen noch einmal verschärft. Die Vorwürfe der EU-Staatschefs und Washingtons stellte Putin als ungerechtfertigt dar. US-Präsident Barack Obama warf der russische Präsident wegen der Sanktionen gegen Moskau Feindseligkeit vor. Den Europäern wiederum warf Putin Erpressungsversuche vor und drohte mit einer Drosselung der Gaslieferungen, falls die derzeit von der Versorgung abgeschnittene Ukraine Transit-Pipelines anzapfen sollte. Russland und die Ukraine streiten sich seit Monaten über die Begleichung von Milliardenschulden durch die Ukraine und über den Preis für Erdgaslieferungen.

Auch Merkel zeigte sich zu Beginn des Treffens skeptisch. Es gebe bei der Umsetzung eines Friedensplans für die Ukraine immer noch sehr große Defizite. Es sei vor allem die Aufgabe Russlands, das Abkommen einzuhalten, mahnte die Kanzlerin. In den vergangenen Wochen und Monaten war die vereinbarte Waffenruhe in dem Krisengebiet immer wieder gebrochen worden. "Den entscheidenden Beitrag zur Deeskalation muss Russland leisten", so Merkel.

Ernüchternder Lagebericht der Nato

In Belgrad hingegen war Putin von seinem Gastgeber geradezu überschwänglich empfangen worden. "Serbien wird nicht seine Moral durch falsches Verhalten gegenüber Russland zerstören", versprach Präsident Tomislav Nikolić. "Russland wird nirgendwo auf der Welt so geliebt wie hier", erklärte der Historiker Predrag Marković gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Putin habe Russland "mit großen diplomatischen Triumphen" wieder auf die weltpolitische Bühne geführt.  

Für weitere Ernüchterung sorgte am Donnerstag auch ein Lagebericht der Nato. Das westliche Verteidigungsbündnis sieht nach eigenen Angaben bislang keine Anzeichen für den von Putin angekündigten Abzug russischer Truppen aus dem Grenzgebiet zur Ukraine. Moskaus Versprechen wenige Tage vor dem Mailänder Treffen hatte Hoffnung auf Entspannung in der schwersten Krise in Europa seit dem Kalten Krieg genährt.