Lange wurde der Türkei vorgeworfen, sich im Konflikt mit dem "Islamischer Staat" (IS) nicht deutlich genug zu positionieren. Die offene Grenzpolitik habe dazu geführt, dass sich das Land zu einer Art Durchgangsbasis in den Dschihad entwickelt habe. Dann schien Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine politische Kehrtwende zu vollziehen: Am Sonntag forderte er, sein Land müsse Solidarität zeigen und sich an der Bekämpfung der IS-Milizen beteiligen. 35 Panzer stehen in der türkischen Grenzprovinz Şanlıurfa für einen Einsatz bereit.

Allerdings gibt es nach wie vor Misstrauen gegen die türkische Politik. Es wird über Erdoğans Ziele spekuliert und ob seine Vorstellungen an einem militärischen Eingreifen in Syrien denen der Nato-Partner entsprechen.

Was plant die Türkei?

Das türkische Parlament soll an diesem Donnerstag über ein Gesetz beraten, das Auslandseinsätze der Armee erlaubt, zum Beispiel im Irak und in Syrien. Außerdem könnten danach ausländische Truppen in der Türkei stationiert werden. Nato-Partnerstaaten könnten also türkische Stützpunkte nutzen. Premierminister Ahmet Davutoğlu begründet den Antrag mit der "wachsenden Gefahr an der südlichen Grenze des Landes", die die nationale Sicherheit des Staates bedrohe. Die Dauer des Mandats befristet Davutoğlu auf ein Jahr. Die Oppositionsparteien sind mehrheitlich gegen den Antrag. Ihre Stimmen sind aber nicht entscheidend für die Abstimmung, da die AKP mit absoluter Mehrheit im Parlament regiert.

Wie gefährlich sind die IS-Terroristen für die Türkei?

Die IS-Terrorgruppe hat viele Sympathisanten in der Türkei. Sie sollen ein relgerechtes Netzwerk aufgebaut haben und in Großstädten wie Istanbul oder Izmir ihre Zellen organisieren. Es könnte sein, dass Anhänger der IS-Miliz in den türkischen Städten Anschläge verüben, falls die Türkei gegen das selbsternannte Kalifat der Terroristen vorgeht. "Die Bedrohung ist zumindest da", sagt Gülistan Gürbey, Türkei-Expertin und Politikwissenschaftlerin an der FU Berlin. Günter Seufert, Türkei-Experte bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) sieht hingegen kein akutes Risiko für Anschläge der IS-Terroristen. "Die IS-Gruppe geht bisher sehr rational vor", sagt Seufert. "Man konnte an den Anschlägen von Al-Kaida in den 1990er-Jahren beobachten, dass solche islamistischen Gruppen schnell von der Gesellschaft isoliert worden sind." Eine vielversprechendere Wirkung brächten Anschläge in Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, wo es wesentlich mehr Sympathien für fanatische Terroristen gebe.

Was ist mit der vom IS eingekesselten türkischen Exklave?

Rund 1.000 IS-Kämpfer sollen eine türkische Exklave in Syrien umstellt haben. 36 türkische Soldaten bewachen dort das Mausoleum von Süleyman Schah, dem Großvater des osmanischen Reichsgründers Osman. Die türkische Regierung hatte mehrmals betont, dass ein Angriff auf das Denkmal einen direkten Angriff auf türkisches Gebiet bedeute. Nun besteht wohl die Gefahr einer erneuten Geiselnahme türkischer Staatsbürger.

Aufgrund der sich ständig ändernden Lage ist eine exakte Aufzeichnung der verschiedenen Positionen nicht möglich. © ZEIT ONLINE

"Der Großteil der türkischen Bevölkerung kannte das Mausoleum vor dem Bürgerkrieg in Syrien gar nicht", sagt Seufert von der SWP. Das Territorium habe erst seit Kurzem symbolischen Wert. Dass es bisher weder von Assad noch von IS-Kämpfern bedroht worden ist, demonstriere eher die politische Stärke der Türkei. Die 36 möglichen Geiseln könnten laut Seufert als Grund für das weitere Vorgehen der türkischen Regierung genannt werden. Der Angriff könnte als Provokation gewertet werden und eine Intervention in Syrien rechtfertigen. Auf der anderen Seite ließe sich auch eine passive Position der Türkei begründen, wenn türkische Staatsbürger von den Terroristen entführt werden sollten.

Wo liegen Erdoğans Prioritäten?

Präsident Erdoğan erwägt, eine "Schutzzone" im Norden Syriens einzurichten. Dazu sollen auch eine Flugverbotszone sowie die Entsendung von Bodentruppen gehören. Die Kurden aus Syrien und der Türkei lehnen eine solche Pufferzone ab, weil sie andere Ziele der Türkei dahinter vermuten. Erdoğan braucht für seine Pläne die Zustimmung der Nato-Partner. Bislang sprechen sich die restlichen Verbündeten gegen solch eine Flugverbotszone aus. "Dieses Vorhaben richtet sich in erster Linie gegen Assad und die Kurden, nicht aber gegen die IS-Terroristen", sagt Türkei-Experte Seufert. Er hält es nicht für wahrscheinlich, dass solch eine Zone tatsächlich eingerichtet wird. "Das klingt mir eher nach einem taktischen Schachzug der Regierung, um Entschiedenheit im Kampf gegen die IS-Terroristen zu demonstrieren."

Welche Rolle spielen die Kurden?

Sollte die Türkei Bodentruppen auf das Gebiet der kurdischen Autonomieregion Rojava entsenden, würde das ein Ende des Friedensprozesses zwischen der türkischen Regierung und der PKK bedeuten. Rojava wird von der Demokratischen Einheitspartei (PYD) regiert, welche der PKK nahe steht. Die selbstverwaltete Kurdenautonomie gilt als ein demokratisches Modell, auch für die Kurden aus der Türkei. Kurdische Autonomiebestrebungen widersprechen allerdings den Interessen der türkischen Regierung. "Die PKK hat angekündigt, dass sie die Waffenruhe unterbrechen könnte, wenn Bodentruppen in Rojava stationiert werden", sagt Burak Çopur, Türkei-Experte und Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen. In der Türkei sei die gesellschaftliche Akzeptanz der verbotenen Partei gestiegen, sagt Çopur.

Çopur ist überzeugt, dass die PKK und ihre syrische Schwesternpartei PYD mit in die Verhandlungen zur Bekämpfung der IS-Terroristen einbezogen werden müssen. "Der Westen kann nicht einen der wichtigsten Akteure in diesem Konflikt ignorieren." Nur durch ein gemeinsames Vorgehen könne der Konflikt längerfristig gelöst werden. Die kurdischen Verteidigungseinheiten seien wichtige strategische Partner, da sie das Gebiet am besten kennen. Eine Pufferzone sei nur von der Türkei gewollt, um die PKK zu schwächen und würde den Konflikt mit den Kurden noch weiter anheizen. "Das ist vielleicht Ziel der AKP-Regierung, liegt aber nicht im Interesse der Verbündeten in der Koalition gegen die IS-Terroristen", sagt Çopur.