Zu den einfältigsten Metaphern über den Nahen Osten von heute gehört der Arabische Winter. Der Begriff wird gemeinhin von Leuten benutzt, die meist ziemlich befriedigt notieren, dass der Arabische Frühling gescheitert sei. Es ist an der Zeit, diese Metaphern zu begraben, denn Geschichte ist einfach komplizierter als die simple Abfolge von vier Jahreszeiten. Während in Syrien ein furchtbarer Krieg wütet, feiert Tunesien den größten Erfolg seiner jungen Demokratie: den reibungslosen Regierungswechsel nach einer Wahl.  

Ganz friedlich wählten die Tunesier ihr neues Parlament. Verloren hat die zuvor stärkste Partei, die islamische Ennahda-Partei. Gewonnen hat die säkulare Partei Ruf Tunesiens, sie darf sich nun die Koalitionspartner aussuchen. Ihr Parteichef hat gute Aussichten, auch die Präsidentschaftswahlen im November zu gewinnen.

Damit gehen die Araber fast vier Jahre nach Beginn ihrer Aufstände 2011 völlig unterschiedliche Wege: von der Demokratie über autoritäre Unterdrückung bis hin zur Apokalypse des IS-Henkerstaates in Syrien und im Irak. Doch das Gegenbild zu Tunesien ist nicht die Levante, sondern Ägypten. Dort brachen die Aufstände 2011 im selben Monat wie in Tunesien aus. Beide Länder lieferten dasselbe Drama: Erst stürzte der Herrscher, dann dominierten Demonstranten, Liberale und viele junge Araber die Szene, schließlich stiegen die gut organisierten Islamisten auf. Und da endeten die Gemeinsamkeiten.  

Der Unterschied zwischen Tunesien und Ägypten ist nicht, dass ersteres klein, von der Mittelklasse geprägt und letzteres groß, arm und chaotisch wäre. Die Kluft liegt darin, dass die Eliten Tunesiens ihre historische Chance ergriffen haben – während die Eliten Ägyptens kollektiv versagen und die Zukunft des Landes verspielen. Drei Beispiele:

  • Die säkularen Eliten Ägyptens beschlossen schon bei der Regierungsübernahme der Muslimbrüder 2012, sie sofort wieder aus dem Amt zu drängen. Die hohen Richter und der vom alten Regime beherrschte Apparat bekämpften von Tag eins an den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi. Ihre gezielte Sabotage ließ das Stromnetz, die öffentlichen Dienste, die Wirtschaft verfallen. In Tunesien protestierten die Säkularen fleißig gegen die islamische Ennahda-Regierung, aber sie akzeptierten das Ergebnis der Wahl. Das ist der Unterschied zwischen Putschisten in Kairo und Demokraten in Tunis.
  • In Ägypten wehrten sich die Islamisten, indem sie ihre Macht zementierten: per Ausnahmevollmacht für Mursi, mit einer hektisch durchgepeitschten Verfassung, mit Maulkörben für Beamte. In Tunesien regierte die Ennahda-Partei so lange, bis sie in der Wirtschaftskrise nicht mehr weiter wusste. Sie trat von sich aus zurück und übergab die Macht an eine von ihr gestützte Technokratenregierung. Die Muslimbrüder krallten sich so dumm wie paranoid an die Macht, Ennahda ging klug einen Schritt zurück – und war damit aus der Schusslinie. Jetzt fügen sie sich in die Wahlniederlage.
  • In Ägypten sprengten hasserfüllte Richter, Armee und Funktionäre die jungen demokratischen Institutionen – die verfassungsgebende Versammlung, das Parlament; schließlich putschten sie Präsident Mursi aus dem Amt. Sie beendeten den inneren Frieden und die demokratischen Ansätze in einem gigantischen Blutbad. In Tunesien rang und stritt man um die Verfassung, um die Wahlen und um das künftige Antlitz des Landes. Es war laut und heftig, aber stets demokratisch. Man einigte sich auf Kompromisse. Ein Wort, das in Ägypten völlig unbekannt zu sein scheint.  

Heute stehen Ägypten und Tunesien für zwei sehr gegensätzliche Wege aus den arabischen Aufständen – eine Systemkonkurrenz, auf die die ganze arabische Welt schaut. Der ägyptische Weg wird von den Golfstaaten, allen voran von Riad und Abu Dhabi, gesponsert. Tunesien bekommt Geld aus Frankreich und Deutschland, auch aus EU-Töpfen. Es darf sogar noch mehr sein als bisher. Das sollte uns die arabische Demokratie wert sein.