© Privat

In jedem kleinen Bahnhofsladen in Kiew, der früher Zigaretten, Feuerzeuge oder Geldbeutel verkaufte, hat sich das Sortiment in den vergangenen Monaten verändert: Überall werden jetzt ukrainische Fahnen angeboten, Handyhüllen in gelb-blau, Halstücher, Blöcke, Ohrringe mit dem ukrainischen Dreizack, sogar die Blumensträuße: knallig angesprüht in gelb-blau. Gebäude erleuchten in gelb-blau, Geländer und Zäune werden, natürlich, in gelb-blau angemalt, die Eingangstüren von Einkaufsläden: gelb-blau. Mädchen tragen auffallend oft traditionelle ukrainische Hemden und vor zwei Tagen lief ich an drei älteren Damen vorbei, die an einem Montagabend auf der Straße auf einmal die ukrainische Hymne anstimmten, eine nach der anderen. Die Hymne beginnt mit den traurigen (und mit der polnischen Hymne fast identischen) Worten "Schtsche ne wmerla Ukrajina", noch ist die Ukraine nicht gestorben. Seit Monaten kommt man an ihr in der Ukraine nicht vorbei.

Das Land ist im Krieg und dieser Krieg verändert die ukrainische Gesellschaft extrem. Neben all dem Elend, dem Leid und den Katastrophen setzt er paradoxerweise fort, was auf dem Maidan begonnen hat: dass sich eine Zivilgesellschaft herausbildet. Nie zuvor haben sich so viele Menschen engagiert, nie zuvor haben so viele für Flüchtlinge, die Armee oder die Freiwilligen-Bataillone gespendet, nie zuvor haben so viele gesagt: Ich mache mit. Es gibt die Freiwilligenhundertschaft, den Krylja Feniksa (Phönixflügel) oder Narodnyj Tyl (Volkshinterland), KrymSOS, die sich um Flüchtlinge aus dem Donbass und von der Krim kümmert oder freiwillige Teams von Medizinstudenten, die Kriegsopfer in den Krankenhäusern versorgen. Für die Wahlen am Sonntag haben sich so viele zivilgesellschaftliche Aktivisten aufstellen lassen wie noch nie. Ob man rechts ist oder links – das scheint bei all dem keine Rolle zu spielen.

Das alles ist dem Versagen des ukrainischen Staates geschuldet, der nie auf einen Krieg, schon gar nicht solch einen, vorbereitet war. Weil er nun in wichtigen Bereichen implodiert oder nie existiert hat, weil er nicht in der Lage ist, Flüchtlinge, Verletzte und die Armee zu versorgen, springen eben Individuen ein. Sie kümmern sich, sie werden zu Bürgern.

In Deutschland sehen sich viele darin bestätigt, was sie seit Beginn der Maidan-Bewegung zu wissen glaubten: dass hier miese Nationalisten am Werk seien, Faschisten gar. Die Symbole sprächen für sich, das gebrüllte "Slawa Ukrainy", Ruhm der Ukraine, die Hand aufs Herz, die Rührung, wenn die Hymne erklingt, der Dreizack, den die Partei Die Linke als ein Symbol der Nazis ansieht – schon scheint alles klar, mehr muss man gar nicht wissen. Und ja, es wäre tatsächlich recht verstörend, wenn man in, sagen wir, Berlin-Lichtenberg nach Hause eilt und der Kioskbesitzer um die Ecke auf einmal die deutsche Hymne brüllt oder der Nachbar seine Wohnung mit schwarz-rot-goldenen Nationalsymbolen zupflastert.