Vor dem Ortseingang nach Berdjansk hängt ein riesiges Schild: "Wenn ihr den Wunsch verspürt, eine Pistole in die Hand zu nehmen, um sie auf friedliche Bürger zu richten, dann seid gewiss: Es wird keinen Warnschuss geben. Separatisten werden hier nicht geduldet!" Verfasser sind die "Selbstverteidiger Berdjansk".

Etwa 100.000 Einwohner leben in der Stadt im Südosten der Ukraine, sie liegt direkt am Asowschen Meer. Bis zur russischen Grenze sind es 130 Kilometer. Bis nach Mariupol, vor deren Stadtgebiet die ukrainische Armee gegen die Separatisten der Donezker Volksrepublik kämpft, braucht man etwa eine Stunde.

Ludmilla wurde in Berdjansk geboren und hat ihre zwei Söhne, Iwan und Michael, hier großgezogen. Sie sympathisiert mit den Separatisten. Michael sieht das ähnlich, Iwan ganz anders. Er hat bis vor Kurzem gegen die Separatisten gekämpft. Drei Tage hat Ludmilla überlegt, ob sie gemeinsam mit ihren Söhnen ein Interview geben soll, dann hat sie abgesagt. Erst als Iwan sie noch einmal bat und zusicherte, dass ihr nichts passieren werde, da das Gespräch nur im Ausland veröffentlicht wird, willigte sie ein.

ZEIT ONLINE: Iwan, warum tragen Sie Ihre Uniform heute im eigenen Haus?

Ludmilla: Die zieht er doch nie aus, geht bestimmt damit abends auch ins Bett.

Iwan: Weil es meine normale Kleidung für jeden Tag ist. Ich habe acht Uniformen bekommen, sie ist ziemlich komfortabel. Und falls ich spontan zur Arbeit gerufen werde, weil an einem Checkpoint etwas passiert, kann ich sofort los.

Ludmilla: Und wieso liegt Deine Waffe dort auf dem Sessel? Die Kinder laufen doch hier rum.

Iwan: Mama, im Maschinengewehr ist keine Munition. Wie soll sie ohne Kugeln schießen? Und mein Sohn soll wie ein Mann aufwachsen. Vor dem muss ich sie nicht verstecken.

Iwan ist 32 Jahre alt. Um sein rechtes Handgelenk trägt er ein Armband in den ukrainischen Nationalfarben. Seine elfjährige Tochter und sein vierjähriger Sohn spielen im Nebenzimmer. Nach der Schulzeit hat er eine Lehre zum Automechaniker abgeschlossen. Dann schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, meist als Fischer auf dem Asowschen Meer, und eröffnete ein kleines Café in der Garage seines Hauses.

Im vergangenen November, als die friedlichen Demonstranten den Maidan, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, besetzten, saß Iwan im 720 Kilometer entfernten Berdjansk den ganzen Tag vor dem Fernseher. Als seine Mutter nach der Arbeit nach Hause kam, schauten sie gemeinsam. "Da waren wir noch zusammen", sagt Iwans Mutter. Sie hält ihre ausgestreckten Zeigefinger nebeneinander. Dann führt sie die eine Hand nach links, die andere nach rechts.

Ludmilla: Wir haben uns in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt.