Die Ukraine hat sich nach Ansicht von Präsident Petro Poroschenko klar für die Europäische Union entschieden. Die Parlamentswahl sei eine "machtvolle" Demonstration für eine enge Anbindung seines Landes an die EU, sagte Poroschenko nach der Bekanntgabe erster Prognosen. Mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten, die an dem Urnengang teilgenommen hätten, hätten dafür ihre Stimme gegeben. 

Vertreter der prowestlichen Gruppierungen kündigten an, eine gemeinsame Regierungskoalition formen zu wollen. Dort könnten neben dem Block von Poroschenko noch die neue Volksfront von Regierungschef Arseni Jazenjuk sowie die neue Partei Samopomytsch und die Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko vertreten sein. Sie kämen zusammen auf mehr als 60 Prozent. 

Insgesamt rund 70 Prozent der Wahlberechtigen stimmten laut den Prognosen für die prowestlichen und nationalistischen Parteien. Poroschenkos proeuropäischer Block kam demnach auf 22 bis 23 Prozent der Stimmen, die nationalistische Volksfront von Jazenjuk erzielte rund 21 Prozent. Die Bewegung Samopomytsch des Bürgermeisters von Lwiw kam mit 13 Prozent überraschend auf Platz drei.

Die prorussische Partei des ehemaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch schaffte es mit fast acht Prozent ebenfalls ins Parlament. Die rechtsgerichtete Partei Swoboda kommt auf  6,3 Prozent. Damit zieht sie zwar ins Parlament ein, eine Regierungsbeteiligung ist aber unwahrscheinlich. Der als militant geltende Rechte Sektor scheiterte den Prognosen zufolge mit vermutlich weniger als zwei Prozent deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde.  

Timoschenkos Partei darf mit 5,6 ebenfalls auf einen Einzug ins Parlament hoffen. "Erstmals verfügen die demokratischen Kräfte in der Obersten Rada über die absolute Mehrheit", sagte der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko. Die Wahlbeteiligung hatte nach vorläufigen Angaben vier Stunden vor Schließung der Wahllokale (um 19.00 Uhr MESZ) bei knapp 41 Prozent gelegen. Mit ersten Ergebnissen wird erst in der Nacht zu Montag gerechnet.

Russland sieht keine Lösung des Konflikts

Den Befragungen nach werden künftig sieben Parteien im Parlament vertreten sein. Umfragen hatten dem Block um Poroschenko mehr als 30 Prozent der Stimmen zugetraut. Wegen des knappen Ergebnisses könnten Koalitionsbildungen kompliziert werden.

Russland reagierte umgehend auf die Prognosen aus der Ukraine: Die Parlamentswahl werde die Krisensituation in der Ex-Sowjetrepublik nicht lösen, schrieb der russische Außenpolitikers Alexej Puschkow. "Nichts ändert sich zum Besseren. Die Wahlen führen nicht zu einer neuen Machtkonfiguration, und diese Machthaber können nichts Neues geben – sie haben keine finanziellen Ressourcen", teilte der Chef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma mit. 

Poroschenko hatte die Wahl angesetzt, nachdem sich die Koalition um Regierungschef Jazenjuk aufgelöst hatte. Etwa fünf Millionen der 36,5 Millionen Wahlberechtigten waren von dem Urnengang ausgeschlossen, da sie auf der von Russland annektierten Krim oder in den von den Rebellen kontrollierten sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk leben. 27 der 450 Parlamentssitze sollten auch nach der Wahl unbesetzt bleiben, weil die Wahlkreise in diesen Regionen liegen.

Die prorussischen Gegner der Kiewer Regierung wollen die Bürger in den beiden Städten am 2. November wählen lassen, um ihre Macht zu legitimieren. In den von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten im Osten fand die Abstimmung nicht statt.