"Lustration". Kaum hatte man sich an das etwas sperrige Wort gewohnt, machten auch schon die ersten bitterbösen Witze die Runde. Lustration? Gemeinhin ist damit die Entfernung belasteter Mitarbeiter aus öffentlichen Ämtern gemeint, das entsprechende ukrainische Gesetz trägt den Titel "Über die Säuberung des Regierungsapparates".

Nun hängt im ukrainischen Parlament einer der größten Lüster des Landes. Fiele der auf die Parlamentarier herunter, lautet ein Witz, wäre es die größte "Lustration" des Landes. Der makabre Humor ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. In sozialen Netzwerken machte in der Ukraine zuletzt die "Müll-Lustration" die Runde: Unliebsame Politiker, meist aus dem Umfeld des geflohenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, wurden vor laufender Kamera in Müllcontainern versenkt. 

Alles begann vor wenigen Wochen in Odessa, als eine Gruppe junger Männer in Trainingshosen dem Beamten Oleg Rudenko auflauerten. "Wir zeigen dir deinen Arbeitsplatz!" pöbelten sie ihn an, um ihn darauf in eine Mülltonne zu stecken. Er soll Bestechungsgeld von mehr als 34.000 Euro kassiert haben. Dutzende Politiker ereilte vor laufenden Kameras dasselbe Schicksal. Die "Müll-Lustration", oder #Trashbucketchallenge – war geboren. 

Es ist eine kleine Gruppe, ein Mob, der sich in den sozialen Medien mit den Gewaltvideos zur Selbstjustiz brüstet. Wenngleich die Aktionen öffentlich scharf verurteilt werden, können sie doch eines nicht verbergen: Der Frust, dass sich auch acht Monate nach dem Maidan für viele Ukrainer gefühlt nicht viel verändert hat, ist groß. "Weg mit der Bande!" skandierte damals die Menge am Maidan, und meinte damit das korrupte System auf den Ämtern und den Raubzug der Politiker an den Staatskassen. Bis in die ukrainischen Amtsstuben ist der Geist der Revolution indes nicht vorgedrungen: Dort sitzt noch immer die alte Garde an den Hebeln. Zu den Wahlen am Sonntag treten auch ehemalige Parteigänger von Janukowitsch an – unter neuem Parteinamen. 

Mit dem Lustrationsgesetz soll sich das jetzt ändern. Unter massivem Druck der Öffentlichkeit wurde in der Werchowna Rada das Gesetz zur "Reinigung der Kader" verabschiedet; seit dem 16. Oktober ist es in Kraft. "Das ist ein wichtiger Schritt vorwärts, für eine zivilisierte Lustration – nicht durch die Mülltonne, sondern durch Entlassung", sagt Jegor Soboljew vom Lustrations-Komitee. So sollen vor allem jene Beamte vom Staatsdienst entlassen werden, die in der Regierungszeit unter Präsident Viktor Janukowitsch hohe Ämter innehatten. "Lustriert" werden sollen aber auch Beamte, die ihre Einkommensverhältnisse nicht klar dokumentieren können sowie ehemalige Kommunisten. Für die Betroffenen gilt ein zehnjähriges Berufsverbot im Staatsdienst. 

Laut Regierungsangaben fallen etwa eine Million Beamte unter das Gesetz. Bürgerrechtler kritisieren, dass eine ganze Schar von Beamten per Federstrich aus dem Amt geworfen wird: "Ich bin gegen jede kollektive Verurteilung – Schuld ist immer eine individuelle Angelegenheit!" sagt der Charkower Menschenrechtler Jewgenij Sacharow. So seien viele Beamte betroffen, die ihren Dienst professionell und gewissenhaft erledigt hätten. "Ihre Schuld besteht also einzig darin, dass sie ihrer Arbeit nachgegangen sind und nicht, dass sie gegen Gesetze verstoßen haben", schreibt auch die Heinrich-Böll-Stiftung in einem scharfen Beitrag.