Der Vatikan ist der kleinste Staat der Welt. Aber dass hier Gut und Böse so nahe beieinanderwohnen, ist doch eine Überraschung. Franziskus lebt im zweiten Stock des Gästehauses Santa Marta an der gleichnamigen Piazza im Schatten des Petersdoms. Seit Dienstag vor einer Woche hat hier auch Jozef Wesolowski sein vorübergehendes Zuhause. Der ehemalige Erzbischof und päpstliche Nuntius in der Dominikanischen Republik sitzt im unmittelbar an Santa Marta angrenzenden Gebäude des Vatikan-Tribunals im Hausarrest. Beide – der Papst und der bislang höchste wegen sexuellen Missbrauchs belangte Prälat – haben denselben Blick aus dem Fenster. Er geht auf eine Tankstelle.

Der Papst kennt keine Gnade mehr. So lautet das beinahe einhellige Urteil über die spektakuläre Festnahme des Monsignore, die zum Symbol für die Null-Toleranz-Politik des Papstes bei Missbrauchsfällen geworden ist. Der Fall des 66-jährigen Wesolowski erregte weltweit Aufsehen: Erstmals wurde ein so hoher Prälat wegen Kindesmissbrauchs dingfest gemacht, erstmals wurde ein Kleriker im Vatikan festgenommen. Der Pole wird des sexuellen Missbrauchs von mindestens vier Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren in Santo Domingo beschuldigt. Er soll für Geld Oralsex mit ihnen gehabt und den Jungen beim Onanieren zugesehen haben. Von der Glaubenskongregation wurde Wesolowski deshalb bereits im Juni in den Laienstatus zurückversetzt. Bei dem vatikanischen Strafprozess, der frühestens Ende des Jahres beginnt, drohen Wesolowski bis zu sieben Jahre Haft.


Auch der Urheber dieser kompromisslosen Linie war schnell ausgemacht. Vatikansprecher Federico Lombardi beeilte sich, Franziskus persönlich für die Festnahme verantwortlich zu machen. Der Arrest sei auf "ausdrücklichen Willen des Papstes" erfolgt. Aus dem Klerus und aus den Medien bekam Franziskus mal wieder viel Lob: "Das ist ein Paradigmenwechsel", urteilte der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper, der zu einer Art Haus- und Hoftheologen des Papstes aus Argentinien geworden ist. "Die Zeit der Verschleierung ist vorbei", schrieb der "Corriere della Sera". Franziskus habe der Pädophilie in der katholischen Kirche mit diesem symbolischen Akt endgültig den Krieg erklärt.

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 41/14

Die Vorwürfe gegen Wesolowski sind gravierend: Einem an Epilepsie erkrankten Jungen habe der Monsignore Medikamente im Gegenzug für sexuelle Dienste gegeben. Im Computer des Ex-Prälaten wurde ein etwa 100.000 Dateien umfassendes Archiv mit Kinderpornos gefunden. Die Vatikan-Ermittler wollen nun die gesamte Vergangenheit Wesolowskis durchleuchten, der 1972 von Karol Wojtyla, dem späteren Johannes Paul II., zum Priester geweiht worden war und von 1999 an als päpstlicher Botschafter nach Bolivien und später nach Kasachstan entsandt wurde. Wie sein Vorgänger Benedikt XVI. hat sich auch Papst Franziskus bei dieser Problematik immer wieder deutlich positioniert. Im März setzte er eine achtköpfige päpstliche Kommission zum Thema ein.

Die Irin Marie Collins ist Mitglied in dieser Kommission. Die Katholikin wurde als 13-Jährige von einem Kirchenmann missbraucht und soll die Sicht der Opfer in der Arbeitsgruppe vertreten, die sich ab dem 4. Oktober erneut im Vatikan versammelt. Sie sagt nach der Festnahme Wesolowskis: "Niemand, der Minderjährige sexuell missbraucht hat, sollte frei herumlaufen, ohne juristisch zur Rechenschaft gezogen worden zu sein."

Der Satz war eine kaum zu überhörende Kritik. Wesolowski war nach Bekanntwerden der Vorwürfe noch über ein Jahr lang auf freiem Fuß. Der Heilige Stuhl hatte den Polen im August 2013 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Santo Domingo abgezogen und nach Rom beordert. Nur wenige Tage später wurde der Fall von einem TV-Sender in Santo Domingo veröffentlicht. Während die für Disziplinarmaßnahmen gegen Priester zuständige Glaubenskongregation den Fall fortan in Rom untersuchte, wohnte der Pole völlig unbehelligt im Priesterhaus Casa del Clero in der Via della Scrofa, gleich bei der Piazza Navona in Rom. Victor Masalles, Weihbischof von Santo Domingo, zeigte sich überrascht, als er den ehemaligen Nuntius im vergangenen Juni in der römischen Innenstadt spazieren gehen sah. "Das Schweigen der Kirche hat das Volk Gottes verletzt", schrieb der Bischof auf seinem Twitter-Account über die Begegnung.

Wenige Tage später gab der Vatikan bekannt, Wesolowski sei von der Glaubenskongregation aus dem Priesterstand entlassen worden. Internationale Medien begannen sich für den Fall zu interessieren, darunter auch die New York Times. Was nach der Festnahme als kompromisslose Linie des Papstes gelobt wurde, wirkt vor diesem Hintergrund eher wie der Versuch einer Schadensbegrenzung.