Eigentlich war das ja bekannt. Jean-Claude Juncker war Regierungschef einer Steuersparoase und soll nun als Chef der Europäischen Kommission eben solche austrocknen. Die, die ihn nominierten, wussten es ebenso wie die Regierungschefs, die ihn wählten und die Journalisten, die darüber berichteten. Auch schon, als er Euro-Gruppen-Chef wurde. Und doch ist die Aufregung groß, seit das Internationale Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) nun im Detail über die vielfältigen Steuersparmodelle Luxemburgs berichtete.

Auf einmal steht die Frage im Raum, ob er politisch noch tragbar ist. Schließlich soll die neue Kommission das Steuerdumping in Europa beenden, auch die G20 wollen gegen aggressive Steuergestaltungen und Gewinnverlagerungen vorgehen. Steueroasen sollen trockengelegt werden. Dass ausgerechnet an der Kommissionsspitze nun ein Förderer solcher Steuersparmodelle sitzt, lässt Zweifel daran aufkommen, wie ernst es den europäischen Regierungen damit wirklich ist. Und beschädigt gleich zum Start Juncker und seine Mannschaft.

Juncker selbst scheint von der Heftigkeit der Kritik überrascht und hat die Vorwürfe erst unterschätzt, was die Sache für einen Politiker in der Regel noch schlimmer macht. Er bedauerte am Mittwoch, nicht gleich nach Bekanntwerden zu den Enthüllungen Stellung genommen zu haben. "Das war ohne Zweifel ein Fehler", sagte er, der als neuer EU-Kommissionschef versprochen hatte, sich und seine Politik häufiger der Öffentlichkeit zu erklären. Diesen Fehler wollte er nicht ein zweites Mal machen und eilte deshalb am Nachmittag erst unangekündigt vor die Presse und dann ins Europäische Parlament. Dort verteidigte er sich gegen die Vorwürfe und versuchte, mit Gesetzesvorschlägen gegen Steuersparmodelle aus der Bedrängnis zu kommen.

Offenbar mit einigem Erfolg. Die konservative Europäische Volkspartei (EVP) und die Europäischen Sozialdemokraten (ESP), die beiden größten Fraktionen, sicherten Juncker hinterher ihre Unterstützung zu. Linke, Grüne und Liberale kritisierten ihn zwar deutlich. Seinen Rücktritt verlangt bislang aber kein einflussreicher Abgeordneter. Aber liefern müsse der Kommissionschef jetzt.

Er müsse jetzt ernsthafte Initiativen starten, um Steuerdumping in Europa zu beenden, sagt der Grünen-Abgeordnete und Finanzexperte Sven Giegold ZEIT ONLINE. "Entweder er handelt jetzt, oder er muss gehen", so Giegold, der aber zugleich vor einer Fokussierung auf Juncker warnt. "Anstatt nur über seine Person zu diskutieren sollten wir lieber jetzt die Geburtsstunde einer europäischen Steuerpolitik ermöglichen."

Es ist die Hoffnung der meisten EU-Abgeordneten wie auch die der EU-Mitgliedsstaaten, dass Juncker es im neuen Amt ernst meint, mit dem Kampf gegen aggressive Steuerpraktiken, die er aus seiner Zeit als Regierungschef selbst zu verantworten hat: In Luxemburg können deutsche und internationale Konzerne mit Hilfe der Behörden Steuern in Milliardenhöhe einsparen, bekommen zum Teil individuelle und immer niedrige Steuersätze angeboten. Die betroffenen Unternehmen wie auch die luxemburgische Regierung betonen, stets legal gehandelt zu haben. Andere Staaten sehen sich dadurch allerdings um Steuereinnahmen in Milliardenhöhe betrogen. Kritiker werfen Luxemburg zudem vor, damit vor allem den Unternehmen geholfen zu haben.

Auch der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sieht das Luxemburger Modell kritisch. "Niedrige Steuersätze anzubieten ist nicht verboten, aber das sollte dann für alle Firmen in Luxemburg gelten und öffentlich bekannt sein", sagt Clemens Fuest ZEIT ONLINE. "Wer einzelnen Firmen Steuerprivilegien einräumt, und das auch noch heimlich, verzerrt den Wettbewerb im Land und macht sich verdächtig." Für sich genommen sei auch ein Steuerwettbewerb unter EU-Ländern nicht verwerflich. Dieser Wettbewerb sollte aber gesamtwirtschaftliche Vorteile wie etwas mehr Effizienz bringen, und nicht Unternehmen Möglichkeiten bieten, in anderen Ländern Steuern zu vermeiden, wie in Luxemburg. "Diese Art von Steuerwettbewerb richtet mehr Schaden als Nutzen an", so Fuest. Der Mannheimer Ökonom ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).