Wieder einmal waren die Worte hart: "Lassen Sie mich ganz klar sein: Wir werden am 1. Dezember weder zwei Milliarden Euro zahlen noch einen Betrag, der dem nahe kommt", sagte der britische Premier David Cameron unmissverständlich in Helsinki. Sein Finanzminister George Osborne kündigte zugleich in Brüssel an, bevor er sich mit seinen EU-Kollegen an den Verhandlungstisch setzte: "Ich werde dafür Sorgen, dass Großbritannien besser wegkommt." Wenn es um Europa geht, sind britische Politiker mehr denn je auf Abwehr gepolt.

An Großbritannien waren die höchsten Nachzahlungsforderungen innerhalb der EU gestellt worden – mit einer Zahlungsfrist noch in diesem Jahr. Den jetzt erzielten Kompromiss feiern die Briten als Sieg Großbritanniens über die EU. Brüssel innig zugetan war Camerons Regierung nie. Aber in den vergangenen Monaten ist der Ton gefährlich schrill geworden.

Bevor Cameron im Januar 2013 seine Grundsatzrede über Großbritannien und Europa hielt, hatte er lange gezögert, bereits festgelegte Termine mehrfach verschoben. Er wisse nicht, was er sagen solle, hieß es. Als er schließlich auftrat im schicken Gebäude des Bloomberg-Nachrichtenkonzerns am Finsbury Square in der City von London, sagte er Sätze wie: "Tatsache ist, dass unsere Geschichte nicht nur eine Insel-Geschichte ist, sondern eine kontinentale." Und: "Trotz all unserer Verbindungen zum Rest der Welt – auf die wir zu Recht stolz sind: Wir waren immer eine europäische Macht, und wir werden es immer bleiben."

Die Bloomberg-Rede fand ein positives Echo in Deutschland. Gewiss, mit Unbehagen wurde registriert, dass der Premier darin versprach, den Verbleib Großbritanniens in der EU von einer Volksabstimmung abhängig zu machen. Aber der Ton Camerons, so wurde allgemein befunden, war pragmatisch, vernünftig, und alles in allem proeuropäisch.

Jetzt hat Cameron wieder eine Rede angekündigt. Wieder zögert er, sich auf einen Termin festzulegen. Wieder heißt es, er könne sich nicht recht entscheiden, was er sagen wolle. Aber klar ist diesmal so viel: Es wird keine Rede werden, die deutsche oder europäische Politiker erfreuen wird. Ihr Thema: Immigration. Vor allem: unerwünschte Einwanderer aus Europa.

Gejagt von den Anti-Europäern

Der britische Premier ist zu einem Politiker in Panik geworden. Der Ursprung dieser Entwicklung hat vier Buchstaben: Ukip. Die EU-feindliche Partei des Europa-Abgeordneten Nigel Farage ist in Umfragen seit Monaten die drittstärkste Partei. Bei Nachwahlen im Oktober gewann ein Abgeordneter, der von Camerons Tories zu Ukip übergelaufen war, den ersten Parlamentssitz für die Anti-Europäer. Am 20. November findet die nächste Nachwahl statt. Erneut hat ein Ex-Tory gute Chancen, Ukip-Abgeordneter zu werden. Richtig ernst wird es dann in einem halben Jahr: Am 7. Mai wird das Unterhaus neu gewählt werden. Ukip, so zeigen alle Umfragen, wird die Konservativen viele Wähler kosten, erstmals mit mehreren Abgeordneten im Parlament vertreten sein und womöglich das entscheidende Wort darüber sprechen, wer die nächste Regierung bildet.

Cameron hat all das veranlasst, hektisch den Parolen hinterherzulaufen, mit denen Farages Anti-EU-Partei erfolgreich ist. So ist aus dem Premierminister der Bloomberg-Rede, der kühle, nachvollziehbare Vorschläge zur Reform der EU machte, ein Parteichef geworden, der sich jagen lässt. Weniger als zwei Jahre ist es her, dass sich Cameron souverän zur internationalen Tradition seines Landes bekannte: "Großbritannien zeichnet nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern vor allem seine Offenheit aus. Wir waren immer ein Land, das sich öffnet, das sein Gesicht der Welt zuwendet", sagte er im Januar 2013. Und: "Ich will niemals, dass wir die Zugbrücke hochklappen und uns von der Welt zurückziehen. Ich bin kein britischer Isolationist."

Jetzt sagt Cameron stattdessen, es würde ihm "nicht das Herz brechen", sollte Großbritannien die EU verlassen. Laut denke er darüber nach, die Zahl der Menschen, die zum Arbeiten aus anderen EU-Staaten nach Großbritannien kommen, per Quote einzuschränken. Ein Minister aus Camerons Regierung meinte wenig später, EU-Einwanderer "überschwemmten" britische Städte, britische Bürger fühlten sich wie "unter Belagerung". Der Mann, es handelte sich um Verteidigungsminister Michael Fallon, entschuldigte sich zwar einen Tag später für seine Wortwahl, er habe sich "versprochen". Inhaltlich, hieß das zugleich, nehme er nichts zurück. Dabei ist Fallon keineswegs einer der anti-europäischen Hetzer der zunehmend rebellischen Tory-Hinterbänkler. Vor nicht allzu langer Zeit noch wies er vor geladenem Publikum in der Deutschen Botschaft in London mit sehr gemäßigten Worten die Europa-Feindlichkeit solcher Parteifreunde zurück. Seitdem hat die Panik der Tories offenbar auch ihn ergriffen.