Die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen steigt. In einem Bericht des European Leadership Network (ELN) in London sind etwa 40 Zwischenfälle aufgelistet, die nach Ansicht der Experten im vergangenen Jahr außer Kontrolle geraten hätten können. "Diese Ereignisse ergeben ein höchst erschreckendes Bild", heißt es. Es gehe dabei um regelmäßig stattfindende Verletzungen nationaler Lufträume, Beinahe-Zusammenstöße in der Luft und auf dem Wasser, sowie andere gefährliche Aktionen, die sich über ein großes Gebiet erstrecken.

Grund für die erhöhte Gefahr einer Eskalation sei ein aggressiver auftretendes Russland und die wachsende Entschlossenheit des Westens, sich zu wehren. Bisher habe eine gewaltsame Konfrontation noch vermieden werden können, heißt es in dem in London veröffentlichte Bericht Waghalsigkeit – riskante militärische Begebenheiten zwischen Russland und dem Westen 2014.  

In drei Fällen sahen die Experten aber ein besonders hohes Risiko für eine direkte Konfrontation mit möglichen Toten. Der Bericht enthält unter anderem einen Vorfall vom 3. März: Südöstlich der schwedischen Großstadt Malmö war eine skandinavische Passagiermaschine mit 132 Menschen an Bord beinahe mit einem russischen Kampfjet kollidiert. 

Der Zusammenprall zwischen der Boeing 737 der Scandinavian Airlines und dem russischen Kampfflugzeug habe offenbar "nur wegen der guten Sichtverhältnisse und der Achtsamkeit der Piloten des Passagierflugzeugs verhindert werden können", heißt es. Der Abstand zwischen den Flugzeugen habe nur 90 Meter betragen, das russische Flugzeug habe den Luftraum gequert, ohne dass seine Flugdaten vorab an die zivile Luftüberwachung übermittelt worden seien. Die Boeing 737 war demnach auf dem Weg von Kopenhagen nach Rom.


Das Papier zieht ausdrücklich Parallelen zum Flug MH17 der Malaysia Airlines vom 17. Juli, bei deren Absturz alle 298 Insassen getötet wurden. Nach den inzwischen vorliegenden Erkenntnissen wurde die Maschine offenbar über dem Osten der Ukraine abgeschossen. Die dort die Macht ausübenden prorussischen Separatisten lehnen die Verantwortung ab – ebenso wie die ukrainische Regierung.

Neben diesem Vorfall nennt der Bericht noch die Festnahme eines estnischen Polizisten, der in Russland unter  Spionageverdacht in Polizeigewahrsam genommen wurde und die Suche nach einem russischen U-Boot vor der Küste Schwedens als hochdramatische Situationen.

Warnung vor neuem Kalten Krieg

Die Spannungen zwischen der Nato und Russland haben seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Moskau im März stark zugenommen. Angesichts der Krise in der Region wird seit Monaten vor einem neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland gewarnt.

Die Experten formulieren in ihrem Papier drei Handlungsanweisungen, um die Lage zu entschärfen. So solle Russland zum einen dringend die Kosten und Risiken seiner aggressiven militärischen Haltung überdenken. Der Westen solle diplomatisch darauf hinarbeiten, dass Russland ebenfalls verstärkt in diplomatische Verhandlungen einsteigt. Zum Zweiten sollten sich beide Seiten in militärischer und auch politischer Zurückhaltung üben. Drittens müssten alle Seiten die Kommunikation und Transparenz in militärischen Dingen verbessern, fordern die Macher der Studie.

Das European Leadership Network ist ein nach eigenen Angaben unparteiisches Netzwerk prominenter Sicherheitspolitiker. Aus Deutschland sind etwa der ehemalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, und Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz,  an dem Netzwerk beteiligt, ebenso wie der früherer Bundeskanzler Helmut Schmidt und der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher.