Die E-Mail der Terroristen begann verstörend direkt: "We are holding your friend Jim." Ein Jahr ist es her, dass Philip Balboni den Satz zum ersten Mal las, und noch immer kennt er ihn auswendig. Balboni ist Chefredakteur der Global Post, für die James Foley, genannt Jim, arbeitete – bis er in Syrien von Terroristen entführt wurde.

Die Nachricht des "Islamischen Staates" (IS) war nicht lang. Einige höfliche Sätze, adressiert an ihn, Balboni, und an Michael Foley, den Bruder des Entführten. Am Ende stand eine Forderung: 100 Millionen Dollar. Mehr nicht. Keine Beschimpfungen, keine Drohungen, keine Unterschrift. Nur diese unwirkliche Zahl – die doch bei den Empfängern die Hoffnung weckte, James Foley, ihren Bruder, Freund und Angestellten lebend wiedersehen zu können.

Am 12. August 2014, etwas mehr als ein halbes Jahr nach dieser E-Mail, wurde der US-Journalist James Foley im ostsyrischen Rakka enthauptet. Bevor er hingerichtet wurde, musste er neben seinem maskierten Henker für ein Propaganda-Video posieren. Es war das erste IS-Video dieser Art, und es blieb nicht das letzte: Im September folgten der Amerikaner Steven Sotloff und die Briten David Haines und Alan Henning. Als vermutlich letzter starb der Amerikaner Peter Kassig, der IS tötete ihn vor zwei Wochen. Die inszenierten Videos der Hinrichtungen gingen um die Welt.

Nicht jede Geisel aus dem Westen wird ermordet. Die meisten der Verschleppten lässt der "Islamische Staat" gegen Lösegeld wieder frei. Über Leben und Tod, Verkauf oder Hinrichtung entscheiden die Terroristen ganz geschäftsmäßig, und die Nationalität der Geiseln kann eine große Rolle spielen. 

Mindestens 25 Millionen Euro in einem Jahr erpresst

In den USA gelten Lösegeldzahlungen an Gruppen wie den IS als Terrorfinanzierung. Laut US-Regierung ist der einzig wirksame Schutz gegen weitere Entführungen, überhaupt keine Lösegelder zu zahlen. Genauso halten es die Regierungen von Großbritannien, Kanada, Neuseeland und Australien. Mit Geiseln aus diesen Ländern können die Terroristen kein Geld verdienen. Auch deshalb werden sie hingerichtet. Für westeuropäische Geiseln hingegen, aus Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien oder auch Deutschland, stehen die Chancen weit besser, dass sie die Geiselnahme überleben. Aus diesen Ländern wird Lösegeld gezahlt, für den "Islamischen Staat" eine wichtige Einnahmequelle.

Allein in diesem Jahr hat der IS nach ZEIT-Informationen mindestens 25 Millionen Euro mit dem Verkauf westlicher Geiseln erpresst. Im Gespräch mit ehemaligen Geiseln und Angehörigen, mit Mitarbeitern von Nachrichtendiensten und privaten Sicherheitsfirmen, ist es uns gelungen, das Muster hinter diesem Geschäft freizulegen. 

Über Umwege in die Gewalt des Islamischen Staats

Drei Fragen durfte die Familie Foley per E-Mail an den "Islamischen Staat" stellen. Drei persönliche Fragen, die nur James Foley selbst beantworten konnte. Als sie die korrekten Antworten erhielten, hatten sie mehr als ein Jahr nach seinem Verschwinden Gewissheit: Ihr Sohn und Bruder lebte.

Lesen Sie eine ausführliche Betrachtung der Finanzquellen des Islamischen Staates in der aktuellen ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können. Die Recherchen zu diesem Thema sind eine Kooperation mit der Redaktion von "report München" (Bayerischer Rundfunk).

Für den "Islamischen Staat" ist eine derart späte Kontaktaufnahme unüblich. In der Regel melden sich die Terroristen nach einer Entführung schnell bei den Angehörigen der Geisel, per E-Mail oder auch direkt per Telefon. Bei James Foley jedoch war das gar nicht möglich, denn zunächst hatten sie ihn lange Zeit gar nicht in ihrer Gewalt.

Im November 2012 wurde Foley in Syrien auf dem Rückweg zur türkischen Grenze entführt. Allerdings nicht vom "Islamischen Staat", sondern vom Schura-Rat der Mudschaheddin, einer dschihadistischen Splittergruppe. Monate später schloss sich die Gruppe dem "Islamischen Staat" an – und nahm ihre Geiseln mit. So gelangte auch Foley in die Hände des IS.

Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischen den zahlreichen kleinen und großen Dschihadistengruppen, die in Syrien und im Irak aktiv sind, ist ein regelrechter Menschenhandel entstanden. Dabei landen viele Geiseln am Ende bei den finanzstärksten Terroristen: dem "Islamischen Staat". Auf dem freien Markt des Dschihads sind westliche Geiseln eine Ware. Aber wie viel sind sie wert?