"The Pacific Age" betitelte der Economist am letzten Wochenende eine Sonderbeilage: das pazifische Zeitalter. Noch klingt das nach Zukunftsmusik. Auch ist noch lange nicht klar, was am Ende beim Aufstieg Asiens herauskommen wird: ein indo-pazifisches Jahrhundert, ein chinesisches Zeitalter, eine chinesisch-amerikanische Gemeinschaftsherrschaft im Stillen Ozean. Oder doch eine von den USA und Japan angeführte Eindämmungsallianz gegen ein China, das seine ehemals Tribut zahlenden Nachbarn in die Botmäßigkeit eines modernen Vasallentums zu zwingen trachtet.

Auf jeden Fall aber war die vergangene Woche eine pazifische Woche. Einen Gipfel nach dem anderen erstiegen Staatenlenker aus aller Welt: erst den Apec-Gipfel in Peking, dann den Asean-Gipfel in Myanmar und schließlich den G-20-Gipfel im australischen Brisbane. Auf allen drei Treffen gab es Vereinbarungen, die Hoffnung machen. Über allen liegt jedoch weiterhin der Schatten tiefsitzender Rivalitäten, Gegensätze und unvereinbarer Ziele.

Amerikaner und Chinesen einigten sich auf weitreichende Klimaschutz-Maßnahmen, auf gelockerte Visabestimmungen und Handelsregeln – aber ihr Tauziehen um Macht, Einfluss und Einflusssphären geht unvermindert weiter. Das ließ sich schon daran ablesen, dass chinesische Sprecher nach dem Treffen verbreiteten, die Präsidenten Xi Jinping und Barack Obama hätten sich verständigt auf die Entwicklung eines "neuen Typs von Großmacht-Beziehungen, gegründet auf gegenseitigem Respekt und Zusammenarbeit der Großmächte auf Augenhöhe". Solchen Formulierungen hat Washington noch nie zugestimmt. Nicht von ungefähr ermahnte Obama die Chinesen, die internationale Ordnung zu unterstützen, anstatt sie zu unterminieren – underwrite, not undermine. Damit spielte er auch auf die Machtstellung Amerikas im Pazifik an.

Der chinesische Präsident und Japans Premier Shinzo Abe reichten nach Monaten bitterer gegenseitiger Vorwürfe einander die Hand und schlossen ein Vier-Punkte-Abkommen ab, das im Streit um die von beiden Seiten beanspruchten Senkaku/Diaoyutai-Inseln Entspannung verspricht und die Überwindung "politischer Schwierigkeiten in klarer Anerkenntnis der Geschichte" anvisiert. Indessen unterstrichen die Japaner unverzüglich wieder ihre Ansicht, dass es einen Inselstreit gar nicht gebe. Auch bleibt abzuwarten, ob Abe seine Besuche im Yasukuni-Schrein künftig wirklich unterlässt; dort wird der Seelen von 2,5 Millionen gefallenen japanischen Soldaten gedacht, darunter – was die Chinesen scharf kritisieren – auch der 14 Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs.

Xi und der philippinische Präsident Aquino verständigten sich über maritime Fragen – doch sind damit die gegensätzlichen Territorialansprüche im Südchinesischen Meer noch keineswegs ausgeräumt.

Inder und Amerikaner legten ihren Disput über Delhis Lebensmittelsubventionen für mehrere Hundert Millionen Bedürftige bei. Dafür hoben die Inder ihre Blockade der Ende 2013 in Bali vereinbarten WTO-Handelserleichterungen auf. So befreiten sie sich aus einer Sackgasse, in die sie nie hätten hineingeraten dürfen.

In Brisbane verabschiedeten die 20 führenden Industrie- und Handelsnationen dann ein langes Kommuniqué, in dem sie sich gegen Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption und Deflation, für Bankenregulierung und Wachstum aussprachen. So verpflichteten sie sich, bis 2018 ihre Wirtschaftsleistung um zusätzlich mindestens zwei Prozent zu steigern. Diesem Zweck sollen 800 Reformmaßnahmen dienen. Derlei Absichtserklärungen gehen bei G-20-Treffen freilich dreizehn auf ein Dutzend. Ihre Wirksamkeit ist noch allemal begrenzt geblieben. Gerade zwischen den USA und der EU gehen die Ansichten über Inhalt, Gestalt und Tempo der Reformen weit auseinander.

Hinzu kommt, dass der Brisbane-Gipfel überschattet war von Wladimir Putins bedrohlicher Ukraine-Politik. Sie erinnerte die Gipfelstürmer machtvoll daran, dass nicht nur Asien voller gefährlicher Stress- und Verwerfungslinien steckt, sondern dass der Moskauer Quasi-Zar mit seinem großrussischen Expansionsdrang drauf und dran ist, Europa aufs Neue zu spalten und in den Kalten Krieg zurückzustoßen.

Putin muss gespürt haben, dass er im Kreise der Zwanzig nicht wohlgelitten war. Das hatte ihn der kanadische Premier Stephen Harper gleich bei der Begrüßung spüren lassen. "Ich schüttle Ihnen zwar die Hand", sagte er, "aber ich habe Ihnen nur eines zu sagen: Get out of Ukraine! – Verschwinden Sie aus der Ukraine!" Kein Wunder, dass der Kremlherr, der den Australiern auch noch einige Kriegsschiffe vor ihre Küste geschickt hatte, es am Ende vorzog, die Konferenz vorzeitig zu verlassen. Obama rief ihm in aller Direktheit nach, man könne eben nicht ungestraft fremdes Hoheitsgebiet an sich reißen, wie Putin dies in der Krim getan habe.

Am Wochenende hatte Bundesaußenminister Steinmeier der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass sich am Rande des G-20-Treffens "Anhaltspunkte dafür (ergeben), wo wir mit Russland stehen". Über das fast vierstündige Brisbaner Nachtgespräch der Bundeskanzlerin mit Putin ist bisher nicht viel an die Öffentlichkeit gedrungen. Am heutigen Dienstag fliegt Steinmeier selbst nach Moskau, um die russische Haltung näher zu erkunden, über die ja auch in Putins ARD-Interview nichts konkret Zukunftsweisendes zu erfahren war.

Asien ist fern, die Ukraine ist nah. Europa steht 25 Jahre nach dem Mauerfall wieder an einem Scheideweg. Nach Steinmeiers Erkundungsmission im Kreml sollten wir mehr darüber erfahren können, was uns bevorsteht: Zusammenprall oder Zusammenarbeit, Konfrontation oder Koexistenz.