Straßenszene in der Altstadt von Jerusalem © Spencer Platt/Getty Images

Die Klinge ist 20 Zentimeter lang. Jill Shamen hält die Waffe in ihrer rechten Hand, aufrecht wie einen Regenschirm. "Messer", sagt die zierliche Frau, deren graue Locken unter dem gepunkteten Kopftuch hervorlugen. Sie spricht das Wort behutsam aus, um sie ein Kreis von etwa 30 Menschen: Mädchen im knielangen Rock, Männer in Jogginghose und mit Kippa auf dem Kopf. Sie sind hier, um sich für den Ernstfall vorzubereiten. "Messer", wiederholt Shamen. Ihre Stimme hebt sich, die Gruppe folgt ihr, alle wiederholen das Wort wieder und wieder. "Jetzt brüllt so laut, dass die Fensterscheiben bersten", fordert sie. Eine ältere Teilnehmerin zuckt bei dem Geschrei zusammen.

Shamen ist 54 Jahre alt und Trainerin am El-Halev-Center in Jerusalem. Seit elf Jahren gibt es das Zentrum in dem Zweckbau zwischen Shoppingcenter und Autohaus im Stadtteil Talpiot. Auf den Fluren liegt kirschroter Teppich aus, neben drei Sporträumen gibt es eine Bibliothek und einen Massageraum. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder, Frauen und Menschen mit Behinderung. Durch Judo oder Karate sollen sie selbstbewusster werden. Außerdem bietet El Halev Selbstverteidigungskurse an. Bisher waren die jedoch im Vergleich zu den Kampfsportgruppen weniger beliebt. Zwei Kurse pro Woche, erklärt Shamen, mehr Nachfrage habe es nicht gegeben. Seit vier Wochen sei alles anders. "Die Anfragen sind um 1.000 Prozent gestiegen."

Die Situation in Jerusalem ist so angespannt wie lange nicht. Nachdem Ende Oktober ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Straßenbahnhaltestelle raste und dabei ein Baby und eine junge Frau tötete, erlebt die geteilte Stadt nahezu wöchentlich neue Attentate. Ein jüdischer Aktivist wurde angeschossen, ein Kleinbus fuhr gezielt in einer Gruppe von Menschen, ein Polizist kam dabei ums Leben. Vergangene Woche ereignete sich der bisher schwerste Angriff. Zwei Männer attackierten Besucher einer Synagoge mit Äxten und Messern, fünf Menschen und die Angreifer starben. Für die Sicherheitsbehörden stellen diese Attacken ein neues Problem dar. Die Täter leben in Israel, keine Mauer, keine Checkpoints konnten sie stoppen. Die Männer hätten es ausgenutzt, dass sie sich frei in der Stadt bewegen konnten, erklärte ein Polizeisprecher nach dem Attentat in der Synagoge. Dagegen habe man noch kein Mittel gefunden.

"Angegriffen, weil wir Juden sind"

Die Jerusalemer versuchen deshalb, sich selbst zu schützen. In einem Armee-Shop im Zentrum der Stadt sind Pfefferspray und Elektroschocker inzwischen Mangelware. "Normalerweise verkaufen wir fünf Pfeffersprays am Tag", sagt ein Mitarbeiter. "Zurzeit sind es 50." In Facebook-Gruppen, in denen sonst Wohnungen annonciert werden, gibt es nun Tipps zum Umgang mit Tränengas. Eine Frau will wissen, welche Messer sie legal mit sich tragen kann. Mehrmals wird die Frage gepostet, welche Pistolen in Israel erlaubt sind.

Selbst zur Waffe greifen, darum geht es im Kurs von Jill Shamen nicht. Durch die Simulation gefährlicher Situationen will sie der Gruppe beibringen, sich ihrer Furcht bewusst zu werden. "Laut um Hilfe schreien", erklärt sie, "das muss man lernen". Achtsamkeit, Reaktionsschnelle, das sei wichtig. "Und wir machen eine gefährliche Person nicht anhand ihres Aussehens aus, sondern anhand ihres Verhaltens." Die Teilnehmer nicken, doch nicht alle wirken überzeugt. "Es ist offensichtlich, dass wir angegriffen werden, weil wir Juden sind", sagt ein Mann in den Vierzigern während einer Pause. Auch die 19-jährige Sarah widerspricht. "Ich habe keine Angst", sagt sie und deutet mit ihrem Kopf in Richtung Fenster. "Ich will zeigen, dass sie nicht gewinnen können." 

"Wir sind doch kein Land von kleinen Clint Eastwoods"

Mit jeder neuen Gewalttat wächst der Hass zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern. Die New York Times spricht bereits von einem Krieg unter Nachbarn. In der angeheizten Stimmung erscheint auch die Reform des israelischen Waffenrechts in einem anderen Licht. Mitarbeitern von Sicherheitsfirmen ist es nun erlaubt, ihre Pistolen und Gewehre mit nach Hause zu nehmen. Zudem wurden die Beschränkungen für den Waffenkauf gelockert. "Das ist kurzsichtig", kritisiert Galit Lubetzky. Die 32-jährige Anwältin ist Aktivistin bei No Guns on the Kitchen Table, einem Zusammenschluss israelischer Menschenrechtsorganisationen. "Wir sind doch kein Land von kleinen Clint Eastwoods", sagt sie. "Wenn die Leute in Panik eine Pistole zur Hand haben, bringt das am Ende nur neues Unglück."

Dass aus Selbstverteidigung Selbstjustiz wird, davor fürchtet sich auch Trainerin Shamen. Die meisten Menschen hätten ihre Gefühle nicht im Griff, erklärt sie nach dem Kurs in ihrem Büro. "Die beste Waffe ist ein Körper, der in Stresssituationen funktioniert." Deshalb brauche sie auch kein Pfefferspray. Allerdings, das wolle sie nicht verheimlichen, eine Pistole würde sie sich gern anschaffen. "Alle Attentäter konnten bisher nur durch einen Schuss aus einer Waffe oder durch eine Gruppe von Leuten gestoppt werden", sagt sie. "Und eine Gruppe von Leuten passt nicht in die Handtasche."