Korruptionsverdacht: Kosovo-Albaner halten falsche Euro-Scheine vor dem EU-Hauptquartier in Priština in den Händen. © Armend Nimani/AFP/Getty Images

Vom sonnigen Hügel aus, einem der teuersten Stadtviertel in Priština, lässt sich das ganze Panorama der Hauptstadt des Kosovo betrachten. Atemberaubend ist dieser Anblick nicht: Die Häuser erinnern an Betonklötze in grau, braun, gelb oder rosa und sind so dicht aneinander gebaut, dass kaum Grünes zu sehen ist. Es herrscht architektonisches Chaos ohne jeden Stil.

"40 Jahre lang wurde in dieser Stadt nicht nach Plänen gebaut. Oder besser gesagt: Es gab Pläne, aber an die wurde sich nicht gehalten, wegen der Korruption", sagt Shpend Ahmeti. Er ist seit einem Jahr Bürgermeister seiner Heimatstadt Priština. Als eine seiner ersten Entscheidungen entließ er den städtischen Bauinspektor. "Er fuhr einen Mercedes, der 65.000 Euro kostet, obwohl er nur 400 Euro Gehalt bekommen hat. Dass er bestechlich ist, war sehr einfach zu beweisen", sagt Ahmeti.

Für Priština und seinen Bürgermeister ist Korruption ein großes Problem. Unternehmer zahlen keine Steuern, der Stadt fehlen wichtige Einnahmen. Deshalb hat Priština immer noch kein richtiges öffentliches Verkehrsnetz. "Wir haben nur sieben Busse, um ein Netz zu schaffen, brauchen wir noch 160 weitere", sagt Ahmeti. Der Bürgermeister beklagt sich, dass immer noch viele korrupte Beamte im Amt seien. Die Gerichte und die Staatsanwaltschaft aber wollten mit ihm nicht so eng und schnell zusammenarbeiten, wie er sich das wünsche.

Kosovo ist eines der korruptesten Länder Europas. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt das Land auf Platz 111, weit hinter Serbien oder Bosnien-Herzegowina. Vetternwirtschaft und die enge Verbindung zwischen Politikern und organisierter Kriminalität sind die größten Probleme im Land.

Und es wird nicht besser, obwohl seit der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 Staatsanwälte und Richter aus EU-Ländern eine unabhängige Justiz aufbauen sollten. Eulex heißt diese Mission. Seit zwei Wochen ist sie allerdings stark in Verruf geraten, fast täglich schreiben Medien Kritisches über die Mission.

Richter und Staatsanwälte bestochen

Grund dafür sind Enthüllungen der Tageszeitung Koha Ditore. Ihren Recherchen zufolge gab es auch in den Reihen von Eulex korrupte Staatsanwälte und Richter, die gegen Geld Verfahren eingestellt oder mildere Urteile gefällt haben. Viel Geld: 2012 soll zum Beispiel der italienische Richter Francesco Florit 300.000 Euro für einen Freispruch bekommen haben. In dem Fall war ein Mann wegen Mordes angeklagt, Florit soll sich mit seinen Kontaktleuten vor dem Freispruch sechsmal getroffen haben.

Entdeckt hat den Vorgang die britische Staatsanwältin Maria Bamieh, die damals für Eulex gearbeitet hat. Sie fand zudem heraus, dass auch ihre Vorgesetzte, die Tschechin Jaroslava Novotna, vertrauliche Informationen aus einem Verfahren Bamiehs an die Anwälte eines Politikers weitergegeben hatte, gegen den sie wegen Korruption ermittelte. ZEIT ONLINE liegen Unterlagen aus einem Eulex-Verfahren vor, die diesen Verdacht erhärten: Mitarbeiter des ehemaligen Gesundheitsministers Ilir Tolaj sollen demnach 2012 über Navotna als vertraute Person gesprochen haben, die ihnen helfen sollte, das Verfahren gegen den Politiker einzustellen.

"Ich bin sicher, Jaroslava hat vertrauliche Dokumente an die Leute von Tolaj aus meinen Verfahren übergeben. Einer ihrer Mitarbeiter hat sie sogar sofort aus dem Englischen ins Albanische übersetzen lassen. Die wussten sofort, was los ist", sagte Maria Bamieh ZEIT ONLINE.

Im Fall des italienischen Richters Florit gab es immerhin nach seiner Amtszeit bei Eulex Konsequenzen, 2013 wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Doch Bamiehs Chefin Navotna arbeitet bis heute bei Eulex. Gegen sie läuft kein Verfahren.