Es ist kurz vor sechs Uhr abends, Renato Usatiis Stimme klingt heiser. Er möchte jetzt gern eine seiner Zigaretten mit weißem Filter anzünden, etwas durchatmen nach fünf Wahlkampfauftritten ohne Pause. Aber Pausen gibt es gerade nicht. Also sagt Renato Usatii, Renato Usatii sei nicht müde. Obwohl Renato Usatii in den vergangenen Monaten drei Mal fast ins Gefängnis gekommen wäre und obwohl Renato Usatii vor zwei Tagen ausgiebig Renato Usatiis 36. Geburtstag gefeiert hat.

Dieser Mann, der sich Renato Usatii nennt, spricht über sich gern in der dritten Person. Das irritiert, passt aber zur irritierend steilen Karriere dieses Renato Usatii: vom Sohn aus dem armen ländlichen Norden Moldaus zum ausgezeichneten Studenten, vom Jungunternehmer zum Restaurantleiter, Geschäftsmann, Millionär und nun zum politischen Senkrechtstarter. So schnell kann es gehen, wenn man Renato Usatii heißt. Dieser Tage macht er von morgens um sieben bis nachts um drei Uhr Wahlkampf und sieht dank seines rundlichen solariumgebräunten Gesichts immer zehn Jahre jünger aus, als er ist.

Renato Usatii ist plötzlich in Moldaus Politiklandschaft aufgetaucht, mit seiner Partei namens Unsere Partei, quasi aus dem Nichts, aber mit einiger Aufregung einige Monate vor der Schicksalswahl. So nennen Beobachter die Abstimmung über das Parlament am 30. November. Es geht um die künftige Ausrichtung des Landes. Viele sprechen vor einer Wahl zwischen Lüge und Wahrheit, Himmel und Hölle oder mindestens zwischen Ost und West. Welche Seite die gute, welche die teuflische ist, hängt davon ab, ob man Menschen aus dem prorussischen oder proeuropäischen Lager fragt.

Gerahmte Ölgemälde

Im ärmsten Land Europas ist die Bevölkerung gespalten. Laut Umfragen unterstützen 47 Prozent eine Fortführung der EU-Annäherung wie unter der derzeitigen Regierung, 48 Prozent wünschen sich einen prorussischen Kurs. Während seiner öffentlichen Auftritte stellt sich Renato Usatii  als Alternative zu beidem dar. Im Gespräch signalisiert er aber nach einer Weile, dass er fast alles tun würde, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin bald persönlich treffen zu dürfen, von Herrscher zu Herrscher.

Es ist jetzt kurz vor sieben Uhr. Renato Usatii redet seit einer Stunde, ohne Fragen zu beantworten, weil zwischen seinen Sätzen dafür keine Zeit bleibt. Neben seinem Schreibtisch stapeln sich Geschenke von seiner Geburtstagsfeier von vor zwei Tagen: Pralinen, Champagner, eine Holzfigur mit dem Abbild des russischen Präsidenten und mehrere gerahmte Ölgemälde mit Renato Usatiis Gesicht in der Mitte.  

Putin und Medwedew: Zwei Figuren in Renato Usatiis Büro © Steffen Dobbert

Bevor Renato Usatii Anfang des Jahres aus Russland zurück nach Moldau zog, hatte er in Moskau eine Firma in der russischen Eisenbahnindustrie gegründet und damit mehrere Millionen gemacht. Wie genau, will er nicht sagen. Aber als beim Genfer Autosalon im März der neue Rolls-Royce vorgestellt wurde, ging der erste verkaufte Luxus-Wagen nach Moldau. Es gebe kein Traumauto, das er nicht besitze, sagt Renato Usatii. Und weil er sich mit 36 Jahren auch sonst alle Träume erfüllt habe, sei nun Zeit für sein Heimatland. Seine Partei veranstaltet deshalb mehrere Pressekonferenzen pro Tag, kauft Werbeplätze in Zeitungen und TV-Sendern für ihn. Er selbst tritt bei Popkonzerten auf, besucht Kindergärten und trinkt in den entlegensten Dörfern des Landes mit politikverdrossenen Bauern Wodka.

Jeder seiner Auftritte wird auf Facebook veröffentlicht. Mehr als zehntausend Freunden gefällt das, einige posten Fotos, die den US-amerikanischen Action-Schauspieler Chuck Norris neben Renato Usatii zeigen, beide triumphierend lachend. Die Menschen hätten sich nach einem wie ihm gesehnt, erklärt Renato Usatii, einem, der alle bestechlichen Politiker ins Gefängnis bringt. Seiner Partei werden bis zu 20 Prozent der Stimmen prognostiziert. Seine Wahlkampagne findet vor allem bei jungen Moldauern Gehör, die von der proeuropäischen Regierung enttäuscht sind, weil ihr in vier Regierungsjahren nur wenige Reformen gelungen sind.