ZEIT ONLINE: Putin ist international weitgehend isoliert, wie sich auf dem G-20-Gipfel gezeigt hat. Doch trotz der mehrfach verschärften Sanktionen bewegt er sich keinen Millimeter. Ist der Westen mit seiner Politik der Härte gescheitert? Muss er einen anderen Kurs einschlagen?

Andreas Schockenhoff: Im Gegenteil! Putin hat sich mit seiner Politik selbst isoliert. Es hat immer wieder Gesprächsangebote des Westens gegeben. Die Kanzlerin hat mit ihm in Brisbane vier Stunden lang gesprochen und zahllose Telefonate mit ihm geführt. Und wir bleiben natürlich weiter dialogbereit. Aber dazu gehören zwei Seiten. Putins Verhalten zeigt, dass die Sanktionen sehr deutlich wirken. Ein militärisches Eingreifen haben wir immer ausgeschlossen. Aber mit unserer soft power haben wir ein sehr starkes Machtinstrument. Dass die EU und die USA bereit sind, diese Mittel geschlossen einzusetzen, hat Putin unterschätzt. Nun ist er mit den Folgen konfrontiert.

ZEIT ONLINE: Doch letztlich geht es ja darum, ein Ziel zu erreichen, nämliche den Ukraine-Konflikt friedlich zu lösen. Dem sind wir noch keinen Millimeter näher gekommen.

Schockenhoff: Das kann der Westen nicht alleine erreichen. Putin weigert sich, auf Kooperationsangebote einzugehen. Die jüngsten Waffenlieferungen an die Separatisten in der Ukraine sind vielmehr ein erneuter eindeutiger Verstoß gegen klare Vereinbarungen. Russland setzt den Bruch des Völkerrechts fort. Das muss man klar benennen. Wir sollten Putin immer die Möglichkeit geben, zu einer konstruktiven Rolle zurückzukehren. Aber wir dürfen uns nicht erpressen lassen.

ZEIT ONLINE: Sollte der Westen also den Druck erhöhen, da Putin sich verweigert?

Schockenhoff: Was wäre die Alternative? Immer weiter nachgeben, um Putin zu besänftigen? Er testet ja gerade aus, wie geschlossen wir in der EU sind. Und er behauptet nicht nur in der Propaganda, sondern auch gegenüber seinen Gesprächspartnern, "ihr seid dekadent, ihr seid uneinig, ihr haltet das sowieso nicht durch". Wir müssen ihm mit aller Entschiedenheit zeigen, dass er damit falsch liegt.

ZEIT ONLINE: Was könnte bei Putin überhaupt noch wirken? Oder lebt er tatsächlich, wie Merkel sehr früh gesagt hat, in einer anderen Welt?

Schockenhoff: Putin weiß, was er will. Er möchte ein Stück sowjetischen Einflusses wiederherstellen. In seinem Vorgehen ist er jedoch taktisch sehr opportunistisch. Er greift ohne strategischen langfristigen Plan das, was er bekommen kann. Und er möchte sich – das ist ein altes Geheimdienstgebaren – immer verschiedene Optionen offenhalten. Er ist daher wenig berechenbar, er möchte sich nicht in die Karten schauen lassen.

ZEIT ONLINE: Die Kanzlerin hat es in Brisbane vergebens versucht. Sind Gespräche mit Putin im Moment sinnlos?

Schockenhoff: Wir müssen sie immer wieder anbieten. Denn wir wollen Russland nicht ausgrenzen. Aber mit einer Politik des Rechtsbruchs, die die Souveränität eines Nachbarlandes missachtet, kann und darf sich Putin keinen Vorteil verschaffen. Deshalb hängen Klarheit und das Angebot zum Dialog zusammen.

ZEIT ONLINE: Hängt alles an Putin, oder ist er in diesem Konflikt eher ein Getriebener? Welche Rolle spielen beispielsweise mächtige Oligarchen im Hintergrund?

Schockenhoff: Putin wird zunehmend zum Getriebenen seiner eigenen Politik. Eine echte Änderung der russischen Haltung in der internationalen Politik werden wir erst erleben, wenn Russland sich im Inneren wandelt. Denn Putins Anspruch, Russland wieder zu einer starken, respektierten Macht zu machen, äußert sich im Inneren ja darin, dass er das Land völlig gleichgeschaltet hat. Es gibt keine russische Zivilgesellschaft mehr, die sich unbehelligt entfalten kann. Es gibt keine unabhängigen Medien und keinen politischen Wettbewerb, sondern nur totale Kontrolle von oben. Die Gerichte sind ebenfalls gleichgeschaltet.  Damit kann sich keine moderne Gesellschaft entfalten. Deshalb glaube ich, dass Putin heute aus einer Position der Schwäche, nicht der Stärke agiert. Umso mehr versucht er, nach außen den Eindruck zu erwecken, dass er alle Fäden in der Hand hat, wie in dem ARD-Interview. Und er droht in alle Richtungen. Doch das ist reine Propaganda.

ZEIT ONLINE: Sie rechnen also nicht damit, dass ihm auf absehbare Zeit Widerstand im eigenen Land erwächst?

Schockenhoff: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Wir haben auch kein Interesse, Russland zu destabilisieren. Aber wir möchten ein demokratisches, rechtsstaatliches Russland, das sich an Vereinbarungen hält und ein fairer Partner ist.