Die Nervosität war groß, sehr groß vor diesem Abstimmungssonntag. Würden die Schweizerinnen und Schweizer zum zweiten Mal innerhalb von nur neun Monaten ihrer Regierung und ihrer Wirtschaftselite, ihren Gewerkschaften und ihren Parteien einen Denkzettel verpassen? Am 9. Februar hatten sie überraschend "Ja" gesagt zu einem Volksbegehren der nationalkonservativen SVP, das eine Drosselung der Zuwanderung forderte.   

Und nun kam eine weitere, noch radikalere Migrationsinitiative zur Abstimmung: die sogenannte Ecopop-Initiative "zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen". Sie wollte eine fixe Einwanderungsquote in der Verfassung festschreiben und gleichzeitig in Afrika Kondome verteilen, um dort die Bevölkerungsexplosion zu stoppen.

Kommentatoren verstiegen sich im Vorfeld zur kruden Behauptung, die Schweiz werde zu einem "Hort direktdemokratischen Totalitarismus'". Aber nix da: Die Schweizer ließen Vernunft walten. 74,1 Prozent von ihnen lehnten die gefährliche Initiative ab. Das sind viel mehr als erwartet, die letzten Umfragen hatten den "Ja"-Stimmen-Anteil auf etwa 40 Prozent taxiert.

Trotz vermeintlichen Dichtestresses und Überfremdungsangst: Das Zeichen, das am 9. Februar gesetzt wurde, scheint den meisten Zuwanderungskritikern genügt zu haben. Ein Tritt ans Schienbein der Oberen reichte. Und den Wirtschaftsmotor ganz abwürgen, beziehungsweise die Banden mit der Europäischen Union völlig durchschneiden – soweit wollten die Eidgenossen dann doch nicht gehen.

Nationalkonservative planen bereits den nächsten Anlauf

Denn gleichzeitig mit der Ecopop-Initiative sagten die Schweizer auch "Nein" zur Gold-Initiative. Sie wollte, dass die Nationalbank (SNB) ein Fünftel ihres Papiergelds mit Goldreserven deckt. 70 Milliarden Franken hätte das die SNB gekostet. Die Goldhändler frohlockten bereits ob der zu erwartenden Preissprünge. Doch fast 80 Prozent der Schweizer wollten von dieser Schnapsidee nichts wissen. Das Begehren blieb chancenlos.

Also alles paletti in der Eidgenossenschaft? Mitnichten.

Das Verhältnis der Schweiz zur EU bleibt auch nach der heutigen Abstimmung gestört. Seit dem 9. Februar ist die Zukunft der bilateralen Verträge völlig ungewiss. Und bereits jetzt sammeln die Nationalkonservativen Unterschriften für ihre nächste Fundi-Initiative: Sie wollen Landesrecht vor Völkerrecht setzen – und damit en passant die Europäische Menschenrechtskonvention aufkündigen.

Das Schweizer Volk kriegt also bald wieder eine Gelegenheit, seine Klugheit unter Beweis zu stellen.