2. Der fehlende Part

Für ein zweites Beispiel lohnt ein Blick in die seit vergangener Woche werktäglich laufende Internet-TV-Show Der fehlende Part, mit der RT noch einmal mehr den Anspruch erhebt, zu senden, "was andere nicht sagen, was andere nicht zeigen". Weil es RTs erklärtes Ziel ist, einen Gegenstandpunkt zu "einem einseitigen und oft interessengetriebenen Medien-Mainstream" zu setzen, kommt noch hinzu: sprechen mit Gästen, die andere nicht einladen.

Dazu gehört etwa aktuell Ken Jebsen, der in der Ausgabe vom 17. November lediglich als unabhängiger Journalist anmoderiert wird. 2011 kündigte der Rundfunk Berlin-Brandenburg ihm, nachdem Antisemitismusvorwürfe erhoben worden waren, die der Sender zwar für unbegründet hielt, er habe aber oft Grenzen überschritten. So vertritt er teils krude Verschwörungstheorien, das Repertoire reicht bis zur Andeutung, die US-Regierung könnte die Anschläge vom 11. September inszeniert haben. Sein publizistisches Projekt ist seither der Kampf gegen die "gleichgeschalteten Medien", er gilt als Gesicht und Stimme der Berliner Montagsdemos, eng verbunden ist er mit dem rechtspopulistischen Publizisten Jürgen Elsässer, Chefredakteur von Compact.

Im Studio von RT, neben Moderatorin Jasmin Kosubek, darf Jebsen dann Sachen sagen wie: Der Westen müsse endlich "auf die Faschisten in Kiew" einwirken; die Ukraine sei beim G-20-Gipfel nur ein großes Thema gewesen, weil die "Westpresse gefüttert werden will" mit einem Konflikt; was der russische Präsident Wladimir Putin "angeblich in der Ukraine getan hat oder nicht getan hat, ist im Grunde dasselbe, was der Westen in Jugoslawien getan hat" oder "es gibt ein Völkerrecht, und wenn Teile der Ukraine einfach sich abspalten wollen, dann haben sie ein Recht dazu".

Zusammen schauen Kosubek und Jebsen einen Ausschnitt aus dem ARD-Interview mit Putin an, in dem der russische Präsident über die Kampfhandlungen im Osten der Ukraine sagt: "Das heißt, dass sie wollen, dass die ukrainische Regierung dort alle vernichtet, sämtliche politischen Gegner und Widersacher. Wollen Sie das? Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu."

Statt diese Aussagen zu kommentieren, geht es gleich weiter zu einem zweiten Einspieler: ein Teil einer Rede, die der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am 23. Oktober in Odessa gehalten hat. Der Ausschnitt wird ohne weitere Informationen präsentiert, hier vollständig zitiert nach den deutschen Untertiteln von RT: "Weil wir Arbeit haben werden und sie keine! Wir werden Rentenauszahlungen haben und sie keine! Bei uns wird sich um die Kinder und Rentner gekümmert werden und bei denen nicht! Bei uns werden Kinder in Schulen und Kindergärten gehen können, und bei denen werden die Kinder in Kellern sitzen! Weil die ja nichts können! So und nur so werden wir den Krieg gewinnen können!"

Einordnung? Fehlanzeige. "Sprachlos" ist die Moderatorin, darüber habe man ja bis jetzt hier gar nichts gehört. Dass Putin früher vom G-20-Gipfel abreist, sei offenbar interessanter, als dass der Präsident der Ukraine "über Leute, die in seinem Land leben, wettert", und das sei noch milde ausgedrückt. Jebsen spult dazu zum wiederholten Mal etwas über Feindbilder ab, die geschaffen würden, und dass es absurd sei, was auf der politischen Bühne passiert, die Regierung in Kiew sei erst an die Macht geputscht worden und habe sich dann wählen lassen, "das ist für mich keine legitime Regierung, und von daher ist mir das auch relativ egal, was dieser Mann sagt".

Dabei hilft nur ein wenig Kontext, das Fragment richtig einzuordnen – oder besser: die Manipulation der RT-Redaktion zu belegen. Das Vorbild scheint ein Bericht des Ersten Kanals des russischen Staatsfernsehens gewesen zu sein, der sich bereits drei Tage zuvor desselben Ausschnitts aus Poroschenkos Rede bedient hatte. Mit dem Tenor: Das Mittel der ukrainischen Regierung, um die Probleme im Osten anzugehen, sei massiver ökonomischer Druck – unter der Überschrift "Poroschenko: Die Kinder aus dem Donbass werden in Kellern sitzen" wird das Ganze zur Drohung, ebenso lässt es auch die deutsche Sendung aussehen.

Doch in Wahrheit spricht der ukrainische Präsident in der Rede nicht davon, die Bürger im Osten unter Druck zu setzen, sondern darüber, dass die Besatzung durch die prorussischen Milizen die Menschen dort leiden lässt. Die Ukraine könne für ihre Bürger sorgen, die Separatisten könnten es nicht. Poroschenko spricht in der Gegenwart, über die aktuelle Lage – das Futur in der falschen Übersetzung aus dem Ukrainischen für die Untertitel erweckt erst den Eindruck, der Jasmin Kosubek sprachlos werden lässt. Poroschenko geht es um etwas anderes: "Dieser Krieg kann nicht gewonnen werden mit Waffen. Jede Kugel produziert zwei Feinde", sagt er, und direkt vor der zitierten Passage: "Wir gewinnen zusammen mit den Mitteln des Friedens."