Die geplante Protestdemonstration gegen Wahlmanipulationen und Betrug mutierte zur Freudenfeier: "Jo-han-nis" skandierten am Sonntag Tausende auf der Piata Universitatii ausgelassen den Namen ihres Hoffnungsträgers. Der deutschstämmige Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt), Klaus Johannis, hatte sich in der Stichwahl um das Präsidentenamt gegen den bisherigen Premierminister von Rumänien, Viktor Ponta, durchgesetzt. Mit befreitem Lächeln und erhobenen Händen bahnte sich der Wahlsieger kurz vor Mitternacht unter einem Meer von Landesflaggen im Zentrum von Bukarest den Weg durch seine jubelnden Anhänger. "Danke schön, danke schön", riefen die begeisterten Schaulustigen auf Deutsch.

Die Wahlforscher hatten dem 55-jährigen Polit-Seiteneinsteiger vor dem Duell mit dem Sozialdemokraten Ponta kaum eine Chance gegeben. Doch Johannis nutzte sie. Mit knapp 55 Prozent besiegte er Favorit Ponta überraschend deutlich – und setzte damit alle der scheinbar unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten auf Rumäniens glitschigem Politparkett außer Kraft. 

Ein geradliniger Macher

Gegen die Macht der Medien, des Staatsapparats und der Orthodoxen Kirche hatte der geradlinige Physik-Lehrer störrisch und gelegentlich etwas ungelenk seine Vision eines normalen Rumäniens ohne Clanwirtschaft und mit einer unabhängigen Justiz gestellt. Obwohl ihm der Wahlkampfstab seines Gegners tote Hühner vor die Türe werfen ließ, ihm seine deutsche Abstammung, Kinderlosigkeit und selbst angeblichen Kinderhandel vorwarf, ließ sich Johannis nicht provozieren. Seinen Rückstand von zehn Prozent aus dem ersten Wahlgang konnte er in der Stichwahl praktisch in einen Vorsprung umwandeln.

Der lange parteilose Johannis hatte sich als Bürgermeister seiner Geburtsstadt Sibiu einen Namen als  pragmatischer Macher erworben: In den 14 Jahren unter seiner Ägide mutierte die einst heruntergekommene Provinzstadt zu einer der prosperierenden Regionen des Landes. Doch trotz dieser Erfolge schien sich der Polit-Novize, der erst im Vorjahr der nationalliberalen PNL beigetreten war, im Wahlkampf um das Präsidentenamt zunächst nur mühsam zurechtzufinden. Analysten kritisierten seine hölzernen Reden und bedächtige Ausdrucksweise: Doch genau die Tatsache, dass er ein Außenseiter in der nationalen Politik blieb, verschaffte ihm bei bisherigen Nichtwählern einen Vertrauensvorschuss.

Sehnsucht nach einem normalen Leben

"Dies ist nicht mein, sondern euer Sieg", bedankte sich der Siebenbürger Sachse nach der langen Wahlnacht: "Gemeinsam haben wir gezeigt, dass nichts unmöglich ist – und mit Entschlossenheit und Glaube alles erreicht werden kann." Tatsächlich hatten selbst heimische Analysten die Wiederauferstehung des scheinbar hoffnungslos abgeschlagenen Johannis kaum erwartet.

Von einem "Sieg der Wahrheit über die Lüge" sprachen ungläubig die TV-Kommentatoren. Doch es waren nicht nur Johannis Botschaften, die die Wähler in ungewohnt großen Massen mobilisierten. Auch die tiefe Sehnsucht nach einem normalen Leben und die Empörung über die Wahlbehinderung der Auslandsrumänen ließen die Wahlbeteiligung auf den Rekordwert von 62 Prozent klettern.

Zehntausende von Rumänen in der Diaspora hatten sich bei dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen vor Konsulaten und Botschaften stundenlang vergeblich die Beine in den Bauch gestanden. Die Diaspora-Rumänen neigen traditionell eher dem bürgerlichen Lager zu. Der sozialdemokratische Premier Ponta hatte anschließend zwar seinen Außenminister ausgetauscht, um so den Vorwurf zu entkräften, es habe sich um vorsätzliche Wählerbehinderung gehandelt. Doch hartnäckig verweigerte er sich weiter der Forderung, die viel zu geringe Zahl der Wahllokale im Ausland zu erhöhen.