Serbien will sich den von der Europäischen Union verhängten Sanktionen gegen Russland nicht anschließen. Das muss es auch nicht, schließlich ist es kein Mitglied der EU. Aber Serbien ist Beitrittskandidat. Und ein Land, das zum Club gehören will, sollte sich allmählich mit dessen Entscheidungen anfreunden. So sieht es jedenfalls der neue EU-Kommissar für Nachbarschaftspolitik, der Österreicher Johannes Hahn. Er besuchte vergangenen Donnerstag die Hauptstadt Belgrad und sprach das Thema an. Moskauer Offizielle reagierten sofort und sprachen von "Erpressung".

Die Europäer haben allen Grund, Serbiens Außenpolitik kritisch zu sehen. Der jüngste "Fortschrittsbericht" der EU, erschienen im Oktober, stellt fest, der Beitrittskandidat habe sich nur 28 von 45 Erklärungen des Europäischen Rats angeschlossen und an der Abstimmung der UN-Vollversammlung über die Ukraine nicht teilgenommen. Der Schlüssel für dieses Verhalten ist das K-Wort: Die Ablehnung eines selbständigen Kosovo ist die Trumpfkarte Putins; er spielte sie erstmals im Juni 2007 auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm aus. "Ein Wendepunkt", sagt der konservative Politologe Aleksandar Mitic, "seither wissen wir, an wen wir uns halten müssen." Die Regierung in Belgrad scheint das ähnlich zu sehen; Russland sei eine "Stütze Serbiens", so formulierte es sein Präsident Tomislav Nicolic neulich.

Damit nahm er allerdings auch auf die Stimmung im Lande Rücksicht und darauf, dass fast alle Serben daran festhalten, dass der Kosovo serbisches Herzland sei, so steht es ja auch in der Verfassung. Ein Regierungsberater kommentiert dieses Verhalten im Hintergrundgespräch so: Diese "strategische Zweideutigkeit" sei "gute Politik", man müsse eben einen "doppelten Diskurs führen: einen in den Tabloids und im Frühstücksfernsehen und einen mit Leuten, die sich auskennen."

"Geschieht dem Westen recht"

Eine unzweideutige Provokation freilich war der Besuch von Sergej Naryschdin, des Sprechers der russischen Duma, im Mai 2014. Sein Name findet sich auf der Liste der westlichen Einreisesanktionen, gleichwohl sprach Naryschdin vor der serbischen Nationalversammlung und wurde vom serbischen Präsidenten empfangen. Dessen Partei SNS übrigens hat mit Putins Partei "Einiges Russland" (sowie mit Österreichs FPÖ) eine förmliche Vereinbarung über Zusammenarbeit unterzeichnet; in diesem Jahr nahmen SNS-Kader an der Sommerschule der Putin-Partei teil.

Für die Serben ist Putin in allen Umfragen der beliebteste auswärtige Politiker. Warum, darüber gibt die Chefredakteurin von Politika Auskunft, der wichtigsten Tageszeitung des Landes. Ljiljana Smajlovic, amerikanisch-französisch erzogen, weltoffen und informiert, kann ihre Leser gut verstehen: "Putins Unerschrockenheit imponiert. Und viele sagen: Geschieht dem Westen recht!"

Antiwestlich aber nicht prorussisch

Damit dringt sie zum Kern des Problems vor: Ausgesprochen prorussische, von der christlichen Orthodoxie gespeiste Gefühle empfindet vielleicht nur ein Fünftel der Bevölkerung, aber eine politische Abneigung gegen den Westen ist die verbreitetste Haltung. "Nicht, dass Sie mich missverstehen", sagt Smajlovic, "wenn die Leute Babyspielzeug kaufen, dann wollen sie, dass ein EU-Etikett darauf klebt. Sie wollen in die EU. Aber Russland ist für sie die einzige Macht, die uns im Fall Kosovo verteidigt. Außerdem wird Russland jetzt so dämonisiert, wie wir Serben in den 1990er Jahren wegen des Krieges." Ihre Zeitung interviewte Putin, als er unlängst in Belgrad zu Besuch war: "Die Leser haben uns geliebt dafür. Weil sie sahen: Serbien ist nicht allein."

Mit anderen Worten: Selbst wenn Russland nicht versuchen würde, die öffentliche Meinung Serbiens zu beeinflussen, schon allein seine gegenwärtige Politik triebe ihm die Leute zu. Slobodan Markovic, Historiker und Politologe an der Universität Belgrad, der gerade ein Buch über Sigmund Freund geschrieben hat, drückt das so aus: "Wir sind ein frustriertes Volk. Dass das siegesstolze Serbien rein durch einen Luftkrieg besiegt wurde, das verwinden die Leute nicht. Und jetzt gibt es jemanden, der stellvertretend für sie stark ist. Und der als einziger ihren Anspruch auf den Kosovo verteidigt: Putin."