Wenn es in der Ukraine tatsächlich um ein great game geht, darum, wer das letzte und größte nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums übrig gebliebene Land im Osten Europas bekommt: Wer hat dieses Spiel dann eigentlich gewonnen? Wladimir Putin gewiss nicht.

Was hat er denn bekommen? Die Krim und die Ostukraine, ja. Aber was sind diese Gewinne wert? Beide verursachen dem Kreml mehr Kosten als Nutzen, sowohl wirtschaftlich als auch politisch.

Kann es sein, dass dem russischen Präsidenten allmählich klar wird, was er angerichtet hat, und er deswegen am Wochenende vier Stunden lang mit der Kanzlerin redete, er außerplanmäßig Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu sich rief und der ARD ein Interview gab, in dem er (körperlich eher verkrampft) versuchte, alles, was in diesem Jahr passiert ist, als absolut logisch, ja unausweichlich und vollkommen völkerrechtmäßig aussehen zu lassen?

Nein, das war es natürlich alles nicht. Hätte Putin schon im Frühjahr gewusst, welchen Schaden die auf die Annexion der Krim folgenden Sanktionen für Russland anrichten würden, hätte er die Entsendung grüner Männchen und das Referendum auf der Krim vermutlich nicht mit derselben Chuzpe durchgezogen. Wenn überhaupt. Neben den mehrfach verschärften Strafmaßnahmen des Westens entfaltet der Rechtsbruch, den die Annexion darstellt, schließlich eine bleibende, spürbare Wirkung, eine, zu der es die Sanktionen nicht einmal gebraucht hätte: Der russischen Regierung, so das dauerhafte Signal, ist Macht wichtiger als Recht, Prestige wichtiger als Regeln. 

Kein Wunder, dass angesichts dieser Unsicherheit das Kapital die Flucht ergreift und sich Unternehmen dreimal überlegen, ob der russische Markt das wachsende Willkür-Risiko noch wert ist.

Die Ostukraine kommt Putin teuer zu stehen

Und was will Putin mit der Ostukraine anfangen, abgesehen davon, dass es logistisch günstig wäre, eine Landbrücke auf die Krim zu schlagen? Das Kohle- und Industriebecken des Donbass ist seit Langem ein Sanierungsfall, und angesichts des Verhaltens, das die Separatisten-Kommandeure dort an den Tag legen, scheint die Gegend schon jetzt in einen Mafiastaat abzugleiten. Welche Zukunft hat dieser Winkel? Wer bitte wird dort investieren? Russische Rüstungsunternehmen vielleicht, anschlussfähige Fabriken gibt es dort immerhin. Unterm Strich dürfte Putin kräftig zuzahlen müssen, um die Region zu halten.

Und was hat der Westen bekommen? Mindestens die Westukraine ist so entschlossen wie noch nie, ihre Zukunft an der Seite der EU aufzubauen. Die Parlamentswahlen waren eindeutig, etwa zwei Drittel der Ukrainer (abzüglich derer, die im Osten nicht mitstimmen konnten oder wollten) stimmten für prowestliche Parteien, für einen endgültigen Bruch mit der postsowjetischen Politikkultur.

Auch für die EU könnte diese neue Freundschaft freilich teuer werden. Denn die ukrainische Wirtschaft ist noch wenig konkurrenzfähig, und politisch herrscht auch im Westteil des Landes bislang alles andere als eine demokratische Modellkultur; Korruption gehört weiterhin zum Alltag. Aber anders als Putin hat die EU einen Partner gewonnen, der nach vorne will, nicht zurück; der Veränderung möchte, statt verlorener Größe nachzuheulen.

Europa hat dabei weder gedrängt noch gezogen. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit entfalten immer noch genug Anziehungskraft, um sich durch Überzeugung ausdehnen zu können statt Menschen und Länder durch Unterdrückung erobern zu müssen. Daran ändern auch Putins peinliche Propagandisten nichts, die jetzt auch in Deutschland mit dem Auftrag antreten, jeden vermeintlich westlichen Wert als Heuchelei zu entlarven und jeden politischen Fehler als systemtypisches Skandalon anzupragern. Für wie blöd halten diese Leute die Europäer?

Putin hat verloren, schon jetzt. Die Frage ist allein, wie groß er diese Niederlage noch werden lassen will.