Vor ein paar Tagen geschah in Kiew etwas, was den ausländischen Medien kaum einen Bericht wert war; vielleicht, weil aus der Ukraine mittlerweile nur noch Nachrichten über Tote, Gefechte oder Gas-Deals erwartet werden. Diese Nachricht hingegen wirkte unscheinbar, denn niemand starb, niemand wurde verletzt. Doch das, was auf dem Molodist Filmfestival geschah, wirft wesentliche Fragen danach auf, wohin sich die Ukraine ein Jahr nach Beginn der Proteste auf dem Maidan entwickelt.

Das Filmfestival gehört zu den wichtigsten in der Ukraine, dort läuft auch die Reihe Sunny Bunny, die ausschließlich LGBT-Filme zeigt, das steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans. Während der Aufführung eines LGBT-Filmes wurde das Kino angezündet.

Es ist abgebrannt, aber alle Anwesenden konnten sich rechtzeitig retten. Noch ist nicht klar, wer den Anschlag verübt hat und warum. Als zwei Tage später der Film Max und die Anderen des österreichischen Regisseurs Richard Rossmann gezeigt wurde, sammelte sich vor dem Kino ein rechter Mob. In Rossmanns Film geht es um Homosexualität, Aids und Familie, er spielt teilweise in der Ukraine. Das war für Männer der paramilitärischen und politischen Organisation Rechter Sektor offenbar zu viel.

Etwa zehn von ihnen bauten sich bewaffnet und in Uniformen vor dem Kinoeingang auf, 15 weitere trugen zivil. Sie verlangten, die Aufführung abzubrechen, diese sei anti-ukrainisch und unmoralisch, es sei "Päderasten-Propaganda". So erinnert sich Olena Schewtschenko, die in der Sunny-Bunny-Jury saß und an diesem Tag zugegen war. Sie sei geschockt gewesen, als sie bemerkte, dass sich der Anführer der Gruppe bestens mit der Polizei verstand.

Schewtschenko, 32 Jahre alt, leitet in Kiew die Organisation Insight, die gegen die Diskrimierung von Schwulen und Lesben kämpft. Sie war dabei, als die Proteste auf dem Maidan begannen, sie stand in der ungnädigen Kälte, weil sie eine freiere Gesellschaft wollte. Aber mittlerweile befürchtet sie einen Backlash: Die Gewalt gegen Schwule und Andersdenkende sei schlimmer geworden, sagt Schewtschenko. Freiwillige Kämpfer wie die vom Rechten Sektor kehrten von der Front im Osten zurück, hielten sich für Helden und fühlten sich ermächtigt, ihre Positionen mit Gewalt zu vertreten. Und der Staat lasse sie gewähren.

Das ist die Meinung von Olena Schewtschenko, manche werden sie als hysterisch abtun – in beiden Vorfällen wird zwar ermittelt, zu Schaden gekommen ist aber niemand –, andere werden sie jedoch für untertrieben halten.

Was in Kiew passiert ist, könnte an sehr vielen Orten dieser Welt geschehen; in Serbien, in Russland, in Uganda oder Singapur, aber auch in Deutschland, Frankreich oder Polen. Schwulenhass ist, wenn man so will, eine internationale Größe, eine Chiffre für die Ängste und Niederlagen einer Gesellschaft, und selbst in etlichen demokratischen Ländern gibt es einen Mainstream, der es stumm hinnimmt, wenn andere verletzt oder ausgegrenzt werden.

Aber das eigentlich Beunruhigende an dem Vorfall in Kiew ist, dass rechte Schlägertruppen offenbar glauben, im Namen nationaler Ideale unbehelligt wüten zu können. Dass sie keine Angst haben, weil sie womöglich die Justiz tatsächlich nicht fürchten müssen. 

Was vor fast einem Jahr auf dem Maidan begann, war – bei aller Gewalt und bei aller Beteiligung rechter Gruppierungen – ein Aufstand der Würde. Dieser Aufstand schuf kein neues System, keine neue Gesellschaft; er gab höchstens die Hoffnung, dass jetzt etwas Neues beginnen könnte. Die Werte, für die dort so viele einstanden, müssen jetzt, in Zeiten des Krieges, erst recht verteidigt werden.

Die Vorführung von Max und die Anderen wurde übrigens nach 30 Minuten abgebrochen, als sich der Rechte Sektor vor der Tür versammelte. Das Publikum verschwand durch den Hinterausgang in die Nacht. Verletzt wurde niemand, es wurde nur ein Film nicht fortgesetzt.