Nahtlos folgen die Nachrichten dieser Tage aus Ägypten aufeinander: 188 Angeklagte werden in einem neuerlichen Massenprozess zum Tode verurteilt. 78 Teenager, die jüngsten gerade mal 13 Jahre alt, erhalten Haftstrafen von zwei bis fünf Jahren. Per Federstrich expandiert Präsident Abdel Fattah al-Sissi die Zuständigkeit der Militärgerichte ins Grenzenlose –  zehn Monate zuvor noch das wichtigste Bürgerrechtsthema in der Debatte um die Post-Mursi-Verfassung. Das Kabinett verabschiedet neue Gummi-Paragraphen. Jede kritische Organisation soll künftig zur Terror-Zelle erklärt werden können. Ex-Diktator Hosni Mubarak dagegen, sein berüchtigter Innenminister plus sechs hohe Polizeigeneräle werden freigesprochen – angeklagt wegen des Schießbefehls auf Demonstranten des Arabischen Frühlings, der im Frühjahr 2011 nahezu 900 junge Leute das Leben kostete.

Rechtsfindung und Rechtssetzung am Nil verkommen immer mehr zu einem schieren Instrument des Machterhalts. Gleichzeitig planieren Ägyptens Richter mit ihren bizarren Urteilen den Weg in eine verkappte Militärdiktatur. So flott die neuen Tonangebenden am Nil das Wort Demokratie im Munde führen, so flink sind sie bei der Hand mit Gewehren gegen Demonstranten, drakonischen Haftzeiten und Folter hinter Gittern. Und so ist der straflose Ausgang des Mubarak-Prozesses auch ein Signal an Polizei, Armee und gegenwärtige politische Führung, dass sie nicht fürchten müssen, eines Tages für ihre Verbrechen gegen Oppositionelle, Demonstranten oder Gefangene zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hand in Hand mit dieser eisernen Selbstermächtigung geht ein Verfall des politischen Diskurses, wie man es in einem Land, in dem es auch Universitäten gibt, nicht vermuten sollte. Mubarak-Richter Mahmoud al-Rashidy schwadroniert in länglichen Passagen seiner 280 Seiten starken Freispruchbegründung davon, der Arabische Frühling sei in Wirklichkeit eine globale Verschwörung gewesen, genauer gesagt ein zionistisch-amerikanischer Plot, um Ägypten zu zerstören. Als Kronzeugen führt der Jurist nahezu die gesamte Riege der "weisen Männer" des alten Regimes auf.

Regime verteidigt die Macht mit allen Mitteln

Drei Tage später steht Ahmad Mohammad al-Tayyeb, Chefgelehrter von Kairos Al-Azhar, die sich gern im Ruf der wichtigsten Lehranstalt des sunnitischen Islam sonnt, auf dem Konferenzpodium in Kairo, klagt routiniert über die "barbarischen Gewalttaten" des "Islamischen Staates", um dann das Publikum doch noch an seinen tiefsten Erkenntnissen teilhaben zu lassen: Religiöse, politische und wirtschaftliche Faktoren hätten zu dem Auftauchen der Extremisten beigetragen, deklamiert al-Tayyeb, gleichzeitig könne man nicht ausschließen, dass auch eine Verschwörung Israels dahinter stecke, um weiterhin das mächtigste Land in der Region zu bleiben.

Auf die Spitze trieb es Ägyptens Präsident al-Sissi, der künftig per Gesetz jeden bestrafen will, der die beiden Revolutionen der vergangenen vier Jahre "beleidigt", die erste im Januar 2011 und seine eigene im Juni 2013. Offen ist allerdings bisher, ob künftig nun Verschwörungstüftler wie Richter al-Rashidy oder Azhar-Chef al-Tayyeb hinter Gitter sollen, oder diejenigen, die den Arabischen Frühling unbeirrt als ein Aufbegehren des Volkes gegen seinen 30-Jahre-Pharao Mubarak ansehen.

Egal, wie man es dreht oder wendet: Ein Volk, dessen Justiz, politische Führung und religiöse Spitze sich so ungeniert Hirngespinsten hingeben, muss den Kontakt zu seinen Realitäten verlieren. Stattdessen bevölkert sich der mentale Kosmos Ägyptens immer dichter mit hinterhältigen Verschwörern, ausländischen Agenten, westlichen Dunkelmännern, unsichtbaren Händen, apokalyptischen Intrigen und zionistischen Machenschaften.

Ägyptens neue Herrscher ziehen derweil unbeirrt die Schrauben Woche für Woche fester an. Sie verteidigen ihre Macht um jeden Preis. Und sie wollen Ruhe im Land um jeden Preis. Mit besonnener Politik hat das alles nichts mehr zu tun. Ein solches Kasernenregime mag einige Zeit funktionieren. Langfristig jedoch wird es Ägypten teuer zu stehen kommen.