Vor genau einem Jahr wurden in Kairo die beiden Al-Jazeera-Journalisten Peter Greste und Mohamed Fahmy festgenommen, wenig später verhafteten die ägyptischen Sicherheitskräfte auch ihren Kollegen Baher Mohamed. In ein paar Stunden ist die Sache erledigt, dachten die drei damals. Zu absurd schien der Vorwurf der "Gefährdung der nationalen Sicherheit" durch "falsche Berichterstattung".

Aus den Stunden wurden Tage und Wochen, die Vorwürfe mündeten in eine Anklage wegen "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung", womit Ägyptens Muslimbruderschaft gemeint war. Das Verfahren wird eingestellt, glaubten dennoch Gerste, Fahmy und Mohamed, glaubten ihre Familien und ihre Kollegen. Stattdessen gingen Bilder der drei im Käfig eines Kairoer Gerichtssaals um die Welt.

Sieben Jahre Haft für Greste und Fahmy, zehn Jahre für Mohamed – so lautete das Urteil nach einem kafkaesken Verfahren, in dem die Staatsanwaltschaft unter anderem Urlaubsfotos der Angeklagten, aber kein einziges belastendes Beweismittel präsentierte.  Dann, im November, der nächste Hoffnungsschimmer: Präsident Abdel Fattah al-Sisi stellte in einem Interview die Begnadigung für den Australier Greste und den Kanadier Fahmy in Aussicht. Weihnachten in Freiheit: Auch diese Hoffnung hat sich zerschlagen.

Am 1. Januar soll nun das Berufungsverfahren beginnen. "Free AJ Staff", "Freiheit für die Mitarbeiter von Al Jazeera", ist ein weltweiter Schlachtruf für die Pressefreiheit geworden. Und er ertönt zweifellos auch deshalb so laut, weil zwei Journalisten mit der Staatsbürgerschaft westlicher Länder betroffen sind. Es ist durchaus möglich, dass Greste und Fahmy, die sich in ihrer überfüllten Zelle mit einem Fernstudium beschäftigt halten, in den nächsten Tagen oder Wochen doch noch entlassen werden.

Verhandlungen mit Katar

Denn die Al-Jazeera-Mitarbeiter sind nicht nur Opfer des alten und neuen ägyptischen Polizeistaats, sondern auch auch Verhandlungsmasse im Konflikt zwischen Kairo und dem Scheichtum Katar, das den Sender finanziert. Katars massive Unterstützung der Muslimbruderschaft und des im Sommer 2013 gestürzten Präsidenten Mohamed Mursi wird in Ägypten als Einmischung in innere Angelegenheiten und eben als Unterstützung einer "terroristischen Vereinigung" angesehen. In den vergangenen Wochen hat sich das Verhältnis zwischen Kairo und Doha merklich entspannt, eine Begnadigung  könnte Sisi durchaus gelegen kommen.

Die internationale Kampagne für die Al-Jazeera-Journalisten ist ihm offenbar zunehmend lästig, zumal Mohamed Fahmy den Publicity-Effekt erhöht hat: Er wird nun von der Anwältin Amal Alamuddin vertreten, die zuletzt Schlagzeilen durch ihre Hochzeit mit dem Schauspieler George Clooney gemacht hat. Eine Begnadigung von Greste und Fahmy würde die internationale Aufmerksamkeit für Ägyptens radikale Konterrevolution schnell erschlaffen lassen.

Seit dem Sturz des gewählten Präsidenten Mohamed Mursi haben Armee, Polizei und Justiz nicht nur die Jagd auf dessen Muslimbruderschaft eröffnet, sondern auch auf die säkulare Opposition und Zivilgesellschaft. Mindestens 16.000 Menschen sitzen nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen aus politischen Gründen im Gefängnis, darunter ein großer Teil der Demokratie-Aktivisten. Manche ohne Anklage, andere nach Prozessen, die ähnlich absurd abliefen wie das Verfahren gegen die Journalisten.

Hosni Mubarak, 2012 noch zu lebenslanger Haft verurteilt, ist hingegen wieder ein freier Mann. Im November ließ ein Gericht alle Anklagepunkte wegen des Todes Hunderter Demonstranten auf dem Tahrir-Platz fallen