"Melancholie", sagen meine englischen Bekannten und Freunde. "Das ist ein sehr unenglisches Konzept." Aber die meisten sind sich auch darin einig: Britannien ist kein glückliches Land in diesem Herbst.

Clive zum Beispiel, ein nüchterner Mann, Manager in einem Technologiebetrieb. "Ja, wir Briten fühlen uns nicht mehr wohl in unserer Haut", sagt er nachdenklich, nachdem wir gemeinsam aufgezählt haben: Das Land wird regiert von einem Premier, der panisch den Parolen einer Minderheitenpartei nachläuft. Die Union zwischen England, Schottland, Wales und Nordirland wirkt brüchiger denn je, obwohl die Schotten erst einmal für den Verbleib im Vereinigten Königreich gestimmt haben. In Europa ist Großbritannien isoliert. Auf der Weltbühne an den Rand gedrängt: Für die USA ist Deutschland mittlerweile der wichtigere Gesprächspartner, gegenüber Russland klingt die britische Stimme dünn, im Kriegs- und Krisengebiet Mittlerer Osten ist sie nahezu unhörbar geworden. Und obwohl nach der weltweiten Finanzkrise die britische Wirtschaft wieder wächst, stärker auch als in den meisten anderen europäischen Ländern, bleiben die Aussichten trübe, nicht zuletzt, weil die Regierung in London immer noch weit davon entfernt ist, ihre Schulden in den Griff zu bekommen.

Erst hatte Clive mich angesehen, als habe ich sie nicht mehr alle. Jetzt nickt er düster. Großbritannien – ein melancholisches Land? "Ja", sagt er, "vielleicht ist da doch was dran".

In viereinhalb Jahren konservativ-liberaler Koalitionsregierung hat sich das Königreich merklich verändert. Nach 13 Jahren Labour-Herrschaft verhieß im Mai 2010 ein jugendlicher Premierminister den Neuanfang. Ende 2005 war David Cameron mit dem Versprechen Tory-Chef geworden, seine überalterte, rückwärtsgewandte Partei von Grund auf zu erneuern. Zwar gelang es den Konservativen trotz der großen Unzufriedenheit mit Labour nicht, eine absoluter Mehrheit zu gewinnen. Aber für Cameron schienen die Liberaldemokraten als Koalitionspartner wie gerufen zu kommen, um mit ihrer Hilfe sein Modernisierungsprojekt gegen die Ewiggestrigen der eigenen Partei zu vollenden. Der Economist zeigte damals den frischgewählten Premier als rebellischen Punk auf dem Titelbild, den Irokesenschnitt als Union Jack gefärbt unter der rot gedruckten Titelzeile: "Die wagemutigste Regierung des Westens."

Jetzt jedoch, ein halbes Jahr vor der nächsten Wahl, ist von dem Aufbruch in eine bessere Zukunft nichts geblieben. Die grünste aller britischen Regierungen hatte Cameron versprochen. Doch von umweltfreundlicher Politik ist keine Rede mehr. Stattdessen polemisiert George Osborne, Finanzminister und Chef-Parteistratege, gegen grüne Steuern. Der Regierungschef selbst wird zitiert mit den Worten, der "grüne Quatsch" müsse ein Ende haben. Still geworden ist es auch um Camerons "Big Society": Eine "große Gesellschaft" solle an die Stelle des Staates treten. Selbstverantwortliche Bürger sollten als Patienten Mitspracherechte in Kliniken bekommen, als Eltern neue Schulen gründen können, als innovative Sozialunternehmer soziale Probleme lösen. Stattdessen kam eine verpfuschte Gesundheitsreform. Der als Oberreformer gefeierte Schulminister wurde versetzt, nachdem er Schüler, Lehrer und Eltern durch ständige Bevormundung gegen sich aufgebracht hatte. Von den Sozialreformen blieben nur drastische Kürzungen für Arme, Behinderte und Arbeitslose.  

Das Land hat seine Größe verloren

Die Veränderung Großbritanniens jedoch geht sehr viel tiefer als das Versagen einer Regierung, die ihre großen Versprechen nicht gehalten hat. Dass Cameron sein Modernisierungsprojekt verriet, beschädigt nicht nur ihn und seine Partei. Beunruhigender ist, dass sein Versagen wirkt wie das Eingeständnis, dass Großbritannien nicht zu retten ist. Der Schwung des Aufbruchs scheiterte an Inkompetenz. Aber er scheiterte auch an der Realität eines Landes, das seine Größe verloren hat.

Sir Jeremy war früher Admiral der Königlichen Kriegsmarine. Als er in den fünfziger Jahren zur Schule ging, existierten noch Reste des Empire. Er frage sich, sagt Jeremy, als ich ihn auf die Melancholie Britanniens anspreche, ob Kontinentaleuropäer jemals verstehen könnten, wie zutiefst fremd Engländern die Idee der Europäischen Union sei. Das ist einerseits eine sehr merkwürdige, andererseits aber auch sehr erhellende Frage. Denn einerseits verstehen natürlich alle Europäer, die sich auch nur kurz mit dem Land befassen, dass viele Briten die EU mit abgrundtiefem Misstrauen betrachten. Schließlich wird über kaum etwas im Zusammenhang mit Großbritannien mehr gesprochen und berichtet als über das Fremdeln der Insulaner in Europa.

Andererseits verrät die Frage, dass sich diese Briten immer noch verkannt fühlen. Begreift ihr wirklich, lässt sich die Frage daher übersetzen, dass wir etwas Besonderes sind? Anders als alle anderen europäischen Staaten? Dass wir, die Nachfahren des Empire, in dem die Sonne nicht unterging, im Herzen größer sind als Europa? Dahinter steht freilich die bange Ahnung, dass die britische Sonderrolle in Wirklichkeit verloren ist. Und zwar – Austritt oder nicht – unrettbar. Die Realitäten der modernen Geschäfts-, Finanz- und machtpolitischen Welt bedeuten, dass Großbritannien Europa nicht mehr entkommt.