Die Kommandeure setzten sich per Hubschrauber ab. Die normalen Soldaten flohen in Scharen. Vier komplette Divisionen der irakischen Armee nahmen in den Provinzen Niniveh und Saladin binnen Stunden Reißaus, als im Juni der "Islamische Staat" (IS) seine Offensive begann. Zurück ließen sie Waffen und Ausrüstung für 50.000 Mann, Geschütze und gepanzerte Fahrzeuge, die den Gotteskriegern in die Hände fielen.  

Wie konnte ein Drittel der irakischen Armee, die von den USA in den vergangenen zehn Jahren mit 25 Milliarden Dollar unterstützt worden war, derart spektakulär zusammenbrechen? Einige Antworten lagen schon damals auf der Hand: Korruption, mangelnde Disziplin, schlechte Kampfmoral, inkompetente Führung und schlampige Wartung des Geräts trugen zu diesem Desaster bei.

Jetzt aber offenbarte ein Gutachten, das der neue Premierminister Haider al-Abadi dem Parlament in Bagdad vorlegte, eine weitere Ursache. Demnach existierten mindestens 50.000 der 200.000 Rekruten lediglich auf dem Papier, wahrscheinlich sogar deutlich mehr. Am Mittwoch wurde bekannt, dass al-Abadi angesichts der Schwäche der Armee die Nato um Unterstützung bei der Ausbildung von Truppen bitten werde.

Erfundene Soldaten

Weitere Untersuchungen würden folgen und definitiv noch "erheblich mehr" Missstände zu Tage fördern, schimpfte der Regierungschef unter dem Applaus der Volksvertreter. Diese "Geistersoldaten" erhielten zwar Sold und standen auf den Mannschaftslisten, wurden jedoch in den Kasernen teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen oder waren einfach erfundene Personen.

Das System funktionierte so einfach wie effizient. Junge Wehrwillige ließen sich von dem verhältnismäßig guten Monatsgehalt von 600 Dollar anlocken. Dann bestachen sie ihre Kommandeure mit monatlichen Zahlungen von 300 Dollar und arbeiteten fortan irgendwo anders. Alle verdienten dabei, bloß der Staat hatte das Nachsehen, dem durch diese Praktiken jährlich mindestens eine halbe Milliarde Dollar verloren gingen.