"Wir kennen keine Grenzen, wir kennen nur Fronten." So sprayen es die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) in den eroberten Gebieten an die Mauern. Es ist das Credo einer Miliz, die mit ihrer kalten Brutalität, ihrem Männlichkeitskult und ihrer scheinbar unaufhaltsamen Dynamik weltweit Sympathisanten in ihren Bann zieht. 15.000 Muslime aus 80 Nationen kämpfen inzwischen in ihren Reihen. Ihr Kalaschnikow-Islam wird das Gesicht des Orients so entstellen, dass er nicht mehr wiederzuerkennen sein wird.

Der Arabische Frühling, der noch vor drei Jahren einen neuen Nahen Osten verhieß, ist verschwunden. So gut wie alle Hoffnungen sind zerstoben, viele Protagonisten sitzen im Gefängnis. Jetzt erfährt die Region durch die Expansion des "Islamischen Kalifats" eine Zäsur, die Dimensionen einer historischen Kernschmelze hat:

  • Das polyglotte Menschheitserbe des Orients mit seinem einzigartigen religiösen und ethnischen Reichtum, seiner Sprachenvielfalt und jahrtausendealten Multikultur droht zugrunde zu gehen.
  • Die marode, arabische Staatenwelt ist zerrissen, polarisiert und erschüttert wie seit dem Untergang des Osmanischen Reiches nicht mehr.
  • Die archaische Barbarei der Gotteskrieger hat im Wechsel mit den hilflosen Äußerungen der geistlichen Autoritäten der Region die schwerste Legitimationskrise des Islam in seiner modernen Geschichte ausgelöst.

Der "Islamische Staat" ist mehr als eine neue pan-arabische Terrormiliz auf den Spuren von Al-Kaida. Seine Propagandisten verfolgen ein dschihadistisches Staatsprojekt, das sich als monomanes Gegenmodel zur kulturell-religiösen Pluralität der eingesessenen Zivilisationen im Nahen Osten versteht. "Ich verspreche euch nicht, was andere Herrscher ihren Untertanen versprechen: keine Sicherheit, keinen Wohlstand. Nein, ich verspreche euch, was Allah den Gläubigen im Koran versprach – dass Er sie zu seinen Stellvertretern auf Erden werden lässt", sagte der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi bei seinem bisher einzigen öffentlichen Auftritt in Mosul. Und so gebärden sich seine Anhänger als von Gott autorisierte Exekutoren des Jüngsten Gerichtes, die bereits vorab auf Erden die letztgültige Verurteilung über alle anderen Menschen vollstrecken dürfen.

Die Invasoren seien "wütende Junge mit verzerrter Mentalität und Weltsicht", urteilt der prominente saudische Publizist Jamal Khashoggi, der in seiner Heimat allerdings ein einsamer Rufer ist. Die IS-Krieger trampelten auf dem Erbe von Jahrhunderten genauso herum wie auf den Errungenschaften der Moderne. "Es wird Zeit, dass wir bei uns nach innen schauen. Alle, die von einer ausländischen Verschwörung faseln, verdrängen die Wahrheit und schließen die Augen vor unseren eigenen Fehlern." Saudi-Arabien produziere IS-Rekruten wie am Fließband – "alles junge Leute mit gewalttätigen und widerlichen Ideen im Kopf".

Ideologisch zählen die IS-Gotteskrieger zur salafistisch-wahabitischen Lesart des Islam, die ihre geistigen Wurzeln auf der Arabischen Halbinsel hat. Überall in der Region versuchen sie, Zeugnisse der religiösen Vielfalt zu beseitigen. Die Spur der Verwüstung zieht sich durch den gesamten Orient: In Ägypten und Tunesien zerstörten Extremisten mindestens 70 Sufi-Stätten. In Libyen demolierten sie islamische Heiligtümer, Friedhöfe und römische Statuen. In Syrien und Irak machten IS-Eiferer bisher 50 Gotteshäuser dem Erdboden gleich, darunter auch das berühmte Mausoleum des Propheten Jonas in Mossul, das jahrhundertelang als Wahrzeichen für die religiöse und kulturelle Verwobenheit der Region gegolten hatte.

Genauso gefährdet sind die vorislamischen Schätze Syriens und Mesopotamiens. Statuen und Mosaike werden zertrümmert, andere Exponate nur geschont, um mit ihrem Verkauf die Kriegskasse zu füllen. Experten wie der Syrienkenner und Bostoner Archäologe Michael Danti schätzen, dass nach den Ölverkäufen der Antikenraub inzwischen die zweitwichtigste Einnahmequelle der Dschihadisten ist.