In mehreren Staaten des Nahen Ostens und Eurasiens beobachten wir derzeit Krisen und Gewalt bis hin zu Chaos und auseinanderbrechenden Staaten. Das ist kein Indiz für einen vollständigen Untergang der seit Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Weltordnung. Vielmehr ist es die Folge diverser Trends, die ihren Ursprung in der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs haben, und die dieser Region eigen sind.

Furchtbare Bilder von Tod, Zerstörung und Zerfall eines Landes erreichen uns derzeit vor allem aus Syrien, dem Irak, Somalia, Libyen, Palästina, dem Libanon, Jemen, Afghanistan und Pakistan. Wir wissen sehr wohl, wie es zu dieser gefährlichen und schlimmen Lage gekommen ist, deshalb wissen wir auch, was in den kommenden Jahren geschehen muss.

Es gibt meiner Einschätzung nach zwei zentrale Aspekte, die grob erklären, warum so weite Teile der Region gestört sind:

  • Die Länder werden von kleinen Eliten beherrscht. Häufig handelt es sich um einzelne Familien oder eine Gruppe Offiziere. Sie lassen zu, dass die Geheimdienste die Regierung dominieren und den Alltag der Menschen bestimmen. Das führt dazu, dass
  • die gewöhnlichen Bürger und die Institutionen von Staat und Nation niemals die Gelegenheit bekamen, einen Gesellschaftsvertrag auszuarbeiten. Dieser ist jedoch nötig als Grundlage für anständige Regierungsarbeit, sozioökonomisches Wachstum und Stabilität.

Diese beiden Phänomene sind die wesentlichen und wichtigsten Gründe dafür, dass so viele arabische und eurasische Staaten dermaßen anfällig und gewalterfüllt sind, dass so häufig nationale Strukturen zerbrechen und abgelöst werden durch althergebrachte Stammesbande, ethnische, religiöse oder familiäre Strukturen oder durch Netzwerke aus Kriminellen, illegalen Einwanderern und Terroristen.

Hinzu kommen andere, spezifischere Gründe – vor allem in der arabischen Welt:

Erstens: Viele Staaten wurden durch europäische Kolonialmächte gegründet. Der freie Wille und die natürlichen Neigungen der einheimischen Bevölkerung wurden nicht berücksichtigt, die Menschen fanden sich schlagartig als Bürger eines Zentralstaats wieder, der das ihnen unvertraute Modell der europäischen Nationen kopierte. Anders gesagt: Viele dieser Problemstaaten begannen ihr Leben mit einem angeborenen Defekt, mit tückischen Schieflagen, was die ethnische oder religiöse Zusammensetzung, die Bodenschätze und die Geografie anbelangte. Weil demokratischer Pluralismus fehlte, konnten die Bürger diese Hürden auch nicht mithilfe eines konsensgetriebenen Gesellschaftsvertrags und eines nationalen Pakts überwinden. Nach und nach brach sich dieser Geburtsfehler gewaltsam Bahn. Nationaler Zusammenhalt und landesweite Institution verfielen zugunsten kleinerer Einheiten – Stämmen, Sekten, Klans.

Zweitens: Größere lokale Spannungen und Kriege – etwa die Konflikte zwischen Arabern und Israelis oder zwischen Indien und Pakistan – haben in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen an den Ressourcen großer Länder gezehrt. Sie haben die Aufmerksamkeit weg vom demokratischen nation building gelenkt. Sie haben dazu geführt, dass das Militär die Regierungen dominiert, und dass radikalisierende und destabilisierende Kräfte, die mit derartigen ungelösten Konflikten einhergehen, wuchern und wachsen. Zusammengehalten wurden die Gesellschaften vom jeweiligen Sicherheitsapparat. Die Folgen waren weit verbreitete Korruption, Mittelmaß oder völlige Inkompetenz in der Regierungsarbeit, inklusive unfähiger Gesundheits- und Bildungssysteme, die Millionen Menschen von Geburt an dazu verdammten, ein Leben in Armut und Angst zu führen.

Drittens: Ständig mischte sich das Ausland militärisch und politisch ein. Das reichte bis zu Staatsstreichen und militärischen Invasionen im Irak, in Libyen, im Iran, in Syrien und anderen Ländern. Dass sich die europäischen Kolonialmächte zurückgezogen haben, bedeutete nicht das Ende der politischen Interventionen des Auslands. In vielen Fällen gab und gibt es eine Symbiose zwischen unfähiger örtlicher Militärherrschaft, anhaltenden regionalen Spannungen und Kriegen sowie ausländischer militärischer Intervention – der schlimmste Fall der vergangenen Jahre war der Irak unter der Baath-Partei und Saddam Hussein.

Viertens: Dass der Staatsbetrieb mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft finanziert wurde, ist eine kritische Schwäche, die nun einige Staaten scheitern lässt. Die Ölmilliarden ließen jede Notwendigkeit wegfallen, eine produktive Privatwirtschaft aufzubauen. Viele Nationen verbargen ihre Anfälligkeit, indem sie mit eigenen oder ausländischen Öleinkünften ihren aufgeblähten Verwaltungsapparat finanzierten und einen parasitären, abhängigen Privatsektor durchfütterten, dem nie erlaubt wurde, zu voller Blüte heranzuwachsen. Einige schwächere und kleinere Länder machten sich zudem stark abhängig vom Schutz ausländischer Militärs, um nicht an den Machtverhältnissen zu rühren (das gilt in erster Linie für Herrscherfamilien). Dadurch entfremdeten sich gewöhnliche Bürger weiter von ihrem Staat und ihrer Führung, außerdem fielen echte Anreize für heimische Entwicklung weg.

Fünftens: Das Bevölkerungswachstum war unhaltbar hoch, die Umweltbedingungen verschlechterten sich beständig (vor allem bei der Versorgung mit Trinkwasser). Im Zusammenspiel mit den vorgenannten Faktoren trug dies dazu bei, die katastrophalen Schwächen bloßzulegen, die diese Gesellschaften stets in sich trugen. Auslöser war, vor allem in den 1980er Jahren, die Zeit, als in weiten Teilen der Region die Bevölkerungszahlen schneller anstiegen als die Konjunktur. Das führte zu zunehmender Armut, sozialen Verwerfungen und einem wachsenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit bei Millionen schwer gezeichneter Bürger. Diese Entwicklung wiederum zog zwei zentrale Reaktionen nach sich: Die staatlichen Sicherheitsapparate verschärften die Unterdrückung, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, und der reaktionäre Widerstand innerhalb der Gesellschaft nahm zu, zumeist in Form radikaler religiöser und Stammesbewegungen. Eine Frühform davon stellte in den 1970er und 1980er Jahren die zum Mainstream zählende Moslembruderschaft dar. Zu den aktuellsten und gewalttätigsten Auswüchsen zählen Al Kaida und der "Islamische Staat" (IS).

Mehr als ein Jahrzehnt nach Ende des Kalten Kriegs erfolgte der von den USA und Großbritannien angeführte Einmarsch im Irak. Das Ende des Kalten Kriegs hatte ein Klima erschaffen, in dem der Verfall staatlicher Institutionen ebenso beschleunigt wurde wie der Aufstieg militanter Gruppen. In Regionen, in denen sich der Zentralstaat zurückgezogen hatte, übernahmen diese Gruppen die Macht.

Eigentlich hatten die globalen Mächte zuletzt eher dazu tendiert, ihre Präsenz in der Region zurückzufahren. Aber Terrorismus, illegale Einwanderung, sektiererische Auseinandersetzungen, Bürgerkriege, schwere Wirtschaftskrisen und beispiellose Flüchtlingsströme werden als dermaßen starke Bedrohung der Sicherheit empfunden, dass die Mächte sich erneut an Orten wie Irak, Jemen und Afghanistan engagieren.

Das wiederum hat dazu geführt, dass einige Regionalmächte sich militärisch und politisch beweisen wollen – wie man am Verhalten von Saudi-Arabien, der Türkei, dem Iran und selbst bei Kleinstaaten wie Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sehen kann.

Was ist zu tun?

Die lokalen Behörden müssen eine Ordnung herstellen, die nicht auf den Sicherheitsvorgaben einer einzigen Familie und deren Armee basiert, sondern auf einem glaubwürdigeren Sozialvertrag, geschlossen von Bürgern, die sich als Teil eines Staats fühlen und zu einer Konsensmeinung gelangt sind, was die Grundregeln dieses Staats anbelangt. Bis es so weit ist, werden wir wohl noch viele Jahre der Vertreibung und der Gewalt über uns ergehen lassen müssen. Die Völkergemeinschaft kann dabei helfen, aber das, was fast ein Jahrhundert Nach-Weltkriegs-Nationalstaatlichkeit nicht geschafft hat, können nur die örtlichen politischen, religiösen, gesellschaftlichen und Stammeskräfte erreichen – eine stabile, selbstbestätigte und vor allem legitime Staatlichkeit.

Rami G. Khouri ist Gastdozent an der Uni Princeton, leitet das Issam Fares Institute for Public Policy and International Affairs der Amerikanischen Universität Beirut und schreibt Kolumnen für Global Syndicate und den "Daily Star Beirut".

Aus dem Englischen von Matthias Schulz