Polizisten schützen die deutsche Botschaft in Mexiko-Stadt während einer Demonstration gegen deutsche Waffenlieferungen © STR/Epa/dpa Picture-Alliance

Er war der Erste und wird vielleicht der Letzte sein, dessen Überreste identifiziert werden konnten: Alexander Mora Venancio, 19 Jahre alt, einer der 43 Studenten, die in Iguala im mexikanischen Bundesstaat Guerrero Ende September erst von der Polizei und von Kriminellen beschossen, dann entführt und wohl ermordet wurden. Das gerichtsmedizinische Institut in Innsbruck, das derzeit auf einer Müllkippe und in einem Fluss gefundene verbrannte Leichenteile analysiert, warnt vor zu großer Hoffnung: "Die Erwartungen auf weitere Resultate sind sehr gering angesichts der extremen Beschaffenheit der Proben."

Das Massaker an den Studenten aus Ayotzinapa ist ein Verbrechen, das ganz Mexiko erschüttert, Zehntausende auf die Straße treibt und erneut ein Schlaglicht auf die Komplizenschaft zwischen korrupten Politikern, Sicherheitskräften und Kriminellen wirft – und auf die Rolle Deutschlands. Denn die deutsch-mexikanische Sicherheitszusammenarbeit ist umstritten, und die Studenten wurden in Iguala möglicherweise auch mit deutschen Waffen beschossen.

Mindestens 36 G36-Sturmgewehre des baden-württembergischen Rüstungsunternehmens Heckler & Koch befanden sich im Besitz der Polizei von Iguala – obwohl Waffenexporte in den Bundesstaat Guerrero verboten waren. Die Sturmgewehre sind auf einer Liste konfiszierter Gegenstände der Staatsanwaltschaft aufgeführt, die der ZEIT vorliegt. Auch in zahlreichen weiteren Konfliktregionen Mexikos sind deutsche Waffen im Einsatz.

Illegale Waffen made in Germany

In Mexiko sei ein neues Vorgehen ausprobiert worden, sagt Jürgen Grässlin, der für sein Schwarzbuch Waffenhandel jahrelang deutsche Rüstungsgeschäfte recherchiert hat: Waffenexporte nach Mexiko wurden nur für bestimmte Bundesländer zugelassen. "Aber das Experiment Mexiko ist gescheitert", so Grässlin.

2006 habe Heckler & Koch einen Exportantrag für G36-Gewehre für ganz Mexiko gestellt. Diesem hatte das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle nur zugestimmt, nachdem die vier Bundesstaaten Chihuahua, Jalisco, Chiapas und Guerrero von der Liste gestrichen worden waren. Und doch: "Die Hälfte der mehr als 9.000 Waffen ist in den vier verbotenen Provinzen gelandet", sagt Grässlin, der im April 2010 einen Strafantrag gegen Heckler & Koch gestellt hat. Außerdem habe Heckler & Koch in zwei der vom Export ausgenommenen Bundesländer bei Präsentationsveranstaltungen und Seminaren mexikanische Polizisten an der Waffe trainieren lassen.

Sicherheitsexperten wie Edgardo Buscaglia halten Waffengeschäfte mit Mexiko grundsätzlich für problematisch: "Man kann keine Waffen an eine Polizei liefern, die korrupt oder Teil des Organisierten Verbrechens ist", sagt der Präsident einer NGO, die sich in Mexiko für Rechtsstaatlichkeit einsetzt. "Deutschland kann nicht versichern, dass die Waffen am Ende nicht doch in die Hände der organisierten Kriminalität gelangen – und das passiert überall in Mexiko."

Buscaglia zufolge wurden bereits im Jahr 2012 etwa 71,5 Prozent aller mexikanischen Gemeinden von den Drogenkartellen kontrolliert. Die vom Staat bezahlten Polizisten fungieren dabei wie eine Privatarmee für die Mafia und die korrupten Politiker, die von den Kartellen gefördert werden – wie auch in Iguala. Der inzwischen verhaftete dortige Bürgermeister José Luis Abarca und seine Ehefrau María de los Ángeles Pineda, die familiäre Verbindungen zum Beltrán-Leyva-Kartell hat, sollen dem Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam zufolge monatlich 50.000 Euro Schmiergeld vom lokalen Kartell Guerreros Unidos erhalten haben.