Ein Lob den Schweizern: Mit 74 Prozent haben sie in einer Volksabstimmung der drastischen Beschränkung der Zuwandererzahl eine klare Absage erteilt. Die Initiative "Stopp der Überbevölkerung", die jährlich nur noch 16.000 Zuzügler, 0,2 Prozent der Wohnbevölkerung, ins Land der Eidgenossen lassen wollte, ist damit gescheitert. Das lässt die Hoffnung zu, dass die aufgeregte Diskussion über Einwanderung auch anderwärts in Europa wieder einer ruhigeren, aufgeklärten Betrachtung Platz macht.

Als ich vor drei Wochen über eine englische Studie berichtete, wonach die Einwanderer in Großbritannien weit mehr in die Staatskasse einbezahlten, als sie an Sozialleistungen beziehen, schlug mir eine Welle empörter, teilweise auch unflätiger Kritik entgegen. Gegen Vorurteile haben Fakten wenig Chancen.

Mein Kommentar endete damals in dem Satz: "Da wäre es schon höchst interessant zu erfahren, wie die Dinge in Deutschland stehen. Es wäre der Mühe und aller Ehren wert, wenn sich das eine oder andere unserer wirtschaftswissenschaftlichen Institute dieses wichtigen Themas annehmen wollte."

Wie es der Zufall so will, hat nun in der vorigen Woche Holger Bonin vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) eine im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung verfertigte Studie vorgelegt, die meinem Wunsch unerwartet prompt entspricht. Nicht nur das: Sie bestätigt auch in vollem Umfang den Befund der Londoner Migrationsökonomen Christian Dustmann und Tommaso Frattini: Die Zuwanderer sind fiskalisch ein Gewinn, kein Minusposten. Sie tragen mehr zu den öffentlichen Haushalten bei, als sie von diesen an Transferleistungen empfangen. Und so geht Professor Bonins Rechnung:

"Rechnet man alle Sozialtransfers inklusive der Ausgaben für Bildung und Bildungsförderung, die die 6,6 Millionen in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer 2012 erhalten haben, gegen die Steuern und Abgaben, die diese Gruppe im gleichen Jahr dem Staat überwiesen hat, bleibt dem Staat ein Nettogewinn von 3.300 Euro pro Kopf. 22 Milliarden Euro haben Ausländer im Jahr 2012 insgesamt beigetragen; Deutschland profitiert finanziell also beachtlich von seiner ausländischen Wohnbevölkerung."

Weiter schreibt Bonin: "Die Rechnung des ZEW ist dabei eher konservativ, da hier nur die Beiträge jener Menschen eingeflossen sind, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Nähme man noch jene ausländischen Mitbürger hinzu, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben, würde der fiskalische Nutzen mit großer Wahrscheinlichkeit noch höher ausfallen, da dieser Personenkreis im Durchschnitt ökonomisch erfolgreicher ist als die Gruppe der Ausländer."

Ja, werden die Skeptiker einwenden – aber kann diese Rechnung aufgehen, wenn die bei uns lebenden Ausländer älter werden, weniger Steuern und Beiträge zahlen und mehr Sozialleistungen in Anspruch nehmen?

Diesen Einwand hat Bonin erwartet. Seine durchkalkulierte Generationenbilanz, in der er für jeden Geburtsjahrgang die noch bis an das Lebensende anfallenden Steuern, Beiträge und Transfers addiert, bestätigt seinen ursprünglichen Befund: "Im Ergebnis bleibt für die 2012 in Deutschland lebenden Ausländer das Bild auch bei dieser vorausschauenden Generationenrechnung positiv. Durchschnittlich werden sie in ihrem Leben pro Kopf 22.300 Euro mehr an den Staat überweisen, als sie an Transfers von diesem erhalten. In Summe wird der Sozialstaat demnach in einer Größenordnung von 147,9 Milliarden Euro von den hier bereits lebenden Ausländern profitieren."

Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung sind zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, dass Zuwanderung zulasten unserer Sozialsysteme geht. Jetzt wissen wir, dass dies nicht stimmt: 22 Milliarden Euro tragen sie nach der Bertelsmann-Studie jedes Jahr bei, im Durchschnitt 3.300 Euro pro Kopf.

Die unbelehrbaren Ausländerfeinde wird Professor Bonin nicht überzeugen. Aber vielen Ängstlichen, die meist ja auch zwischen Flüchtlingshilfe, Asylgewährung und Immigration nicht zu unterscheiden vermögen, sollte seine Rechnung beruhigen. Unsere alternden Gesellschaften brauchen Einwanderer, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Abschottung würde uns zu allmählichem Aussterben verurteilen. Die Schweizer Stimmbürger haben es begriffen.

Das sollte auch uns ermutigen, mit der viel beschworenen, doch nicht immer und überall praktizierten Willkommenskultur realistisch ernst zu machen.