Von einem Entscheidungskampf zwischen Europa und Russland war die Rede. Die großen Worte galten einem kleinen, armen und fast unbekannten Land im Südosten Europas: Die Republik Moldau hat am Sonntag ein neues Parlament gewählt.

Im Sommer hatte die rechtsliberale Regierung des Landes ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet, das die linke Opposition rückgängig machen will. Gut drei Millionen Wahlberechtigte hatten zu entscheiden und nach der Auszählung von fast 90 Prozent aller Stimmen liegen die proeuropäischen Parteien knapp vorn. Das klingt aus westlicher Sicht beruhigend, hat aber nicht viel zu sagen. Denn eine endgültige Entscheidung über Moldaus Zukunft ist damit nicht gefallen.

Den führenden Politikern Moldaus geht es nicht nur um das Staatssystem der Zukunft und die geopolitische Orientierung zwischen der EU und Russland. Die ideologischen Bekenntnisse zum Westen oder Osten reichen oft nicht über die Grenzen der Eigeninteressen hinaus. Denn viele profitieren vom ungesunden Erbe der postsowjetischen 25 Jahre: Politik und Wirtschaft sind miteinander verschmolzen und Oligarchen fördern die Korruption. Die Justiz ist gleichgeschaltet, die Zivilgesellschaft geschwächt und ein Teil der Elite lebt seinen Zynismus aus. Verlässliche Partner sind die Ausnahme.

Kommunisten inzwischen halbe Proeuropäer

Das hat schon die Moskauer Regierung gespürt. Moldau gehört wie die Ukraine zu jenen Ländern, in denen Präsident Wladimir Putin Rückschläge sammelte. Schon mehrfach setzte er vor Wahlen auf den späteren Verlierer. Vor elf Jahren gar flog Putin fast nach Moldau ab, um feierlich eine vom Kreml ausgetüftelte Lösung für den Konflikt um das abtrünnige moldauische Gebiet Transnistrien zu unterzeichnen. Doch im letzten Moment überlegte es sich sein moldauischer Kollege Wladimir Woronin anders.

Am Sonntag trat Woronin als Spitzenkandidat der oppositionellen Kommunisten an. Noch vor knapp einem Jahr sah seine Partei wie der sichere Sieger aus. Sie trat gegen die Assoziierung mit der EU ein und forderte ein Referendum über den Beitritt zur Zollunion mit Russland. Das klang populär. Woronin, ein in vielen Sitzungen ergrauter, aber fuchsschlauer Kopf wie aus dem Bilderbuch des Zentralkomiteekaders, führte im Frühjahr mal wieder Verhandlungen mit Moskauer Unterhändlern über finanzielle und ideelle Hilfe im Wahlkampf. Doch als ihm Moskaus Bedingungen nicht gefielen, brach er den Kontakt ab und änderte einmal mehr seine Position: Die EU kritisiert er seither nur noch milde, und die Zollunion vergaß er. Die Kommunisten wurden halbe Proeuropäer.

Moskau wandte sich daraufhin dem Führer der Sozialisten, Igor Dodon, zu. Dodon bekam am Tag der Volkseinheit in Russland eine Audienz bei Putin und durfte später auch das Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche, den Patriarchen Kirill, treffen. Russlands Ausländerbehörde machte Dodon am folgenden Tag ein besonderes Geschenk und amnestierte die illegal in Russland lebenden Moldauer. Kremltreue Kulturschaffende flogen in Moldau ein und liehen in Konzerten Dodon ihre Singstimme. Die Sozialisten wurden mit knapp 22 Prozent tatsächlich zur stärksten Partei. Aber zu einer linken Allianz gegen den Europakurs reicht es nicht.