Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur. © Nicole Sturz

Gut, dass Frankreichs Staatspräsident François Hollande sich am Wochenende auf dem Moskauer Flughafen mit Wladimir Putin getroffen hat. Wie einen Paria hat sich der Westen den russischen Präsidenten in den vergangenen Monaten vom Leibe gehalten, bis hin zu offener Brüskierung auf dem G-20-Gipfel in Brisbane.

Nach der russischen Aggression gegen die Ukraine ist ein solches Verhalten nachvollziehbar. Auf dem Weg zu einer Lösung des Konflikts führt es aber nicht weiter.

Die Sorge vor einer Eskalation treibt im Westen vor allem die Sicherheitspolitiker und die Militärs um, und zwar gerade jene, die sich noch gut an den Kalten Krieg erinnern können. Sind wir wirklich auf dem Weg zurück dorthin, fragen sie fassungslos? Drohen wir zu verlieren, was wir nach dem Fall der Berliner Mauer gewonnen haben: die Partnerschaft mit Russland? Und was ist Russland heute, wenn es kein Partner mehr ist? Gegner? Gar wieder Feind?

Oder anders gefragt: Wie gefährlich ist das Schweigen, das sich der Westen gegenüber Moskau nach der russischen Annexion der Krim selbst auferlegt hat?

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sorgt sich um diesen "Zustand der Kontaktlosigkeit". Deshalb schlug er auf dem Treffen der Nato-Außenminister vorige Woche in Brüssel ein neues Gremium für die Krisenkommunikation mit Russland vor.

Es beunruhigt den deutschen Außenminister, dass es für Krisenszenarien – Unfälle, Missverständnisse, persönliche Eigenmächtigkeiten – kein eingespieltes Verfahren mehr gibt. Was die Nato deshalb brauche, sei ein Mechanismus nach Art des klassischen Roten Telefons. Ohne einen solchen Mechanismus drohe das Bündnis in die Zeit noch vor dem Kalten Krieg zurückzufallen.

Steinmeier erhielt für seinen Vorstoß in Brüssel viel Zustimmung, nicht nur von seinen Amtskollegen, sondern auch vom Nato-Oberbefehlshaber, dem US-amerikanischen Luftwaffengeneral Philip Breedlove.

Aber gibt es nicht bereits den Nato-Russland-Rat, könnte man einwenden. Doch der ist ein politisches Gremium. Was Steinmeier vorschlägt, ist eine eher technische Krisenkommunikation. Hinzu kommt: Der Nato-Russland-Rat, für den Ukraine-Konflikt eigentlich wie geschaffen, tagt nicht. Seit Wochen blieben alle Demarchen der Bundesregierung, ein Treffen einzuberufen, ohne Ergebnis.

Es blockieren, so ist zu hören, vor allem die baltischen Staaten. Sie befürchten Zugeständnisse des Westens auf Kosten ihrer Sicherheit. Es blockieren aber auch die Amerikaner. Wir können gern tagen, wenn die Russen darum bitten, argumentieren sie; aber die Russen bitten nicht darum.

Immerhin möchte der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg den Gesprächsfaden zu Russland wieder aufnehmen. Der Norweger ist kein Scharfmacher wie sein Vorgänger, der Däne Anders Fogh Rasmussen.

Der Zwischenstopp des französischen Staatspräsidenten Hollande auf dem Moskauer Flughafen zeigt zudem, dass nicht allein die Bundesregierung eine Isolation Russlands für gefährlich hält. Auch Wladimir Putin sendet Signale aus, dass er eine weitere Zuspitzung des Konflikts vermeiden möchte.

Einen Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges muss es also nicht geben. Aber damit dies nicht geschieht, müssen beide Seiten bewährte Gesprächskanäle offen halten oder neue schaffen.

Einfach abzuwarten, ob die Sanktionen wirken, ist keine Politik. Wie die Washington Post dieser Tage schrieb: "Wir haben diesen Konflikt nicht begonnen. Aber wir können Schritte unternehmen, um die Chancen, ihn zu beenden, dramatisch zu erhöhen."