Die Debatte in Deutschland über die richtige Russlandpolitik hat eine Kluft zwischen jenen aufgerissen, die Russland und den Russen seit vielen Jahren aufmerksam zuhören und jenen, die es nicht tun oder nicht können. Der Aufruf von pensionierten SPD-Politikern wie Gerhard Schröder und anderen, mit dem sie Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier zur "Friedenspflicht" ermahnen, ist ein Beispiel für diese eigenartige Taubheit. Deshalb sahen sich deutsche Wissenschaftler, die sich Zeit ihres Lebens mit Russland beschäftigt haben, dringend zu einer Antwort genötigt.

Nur wer zuhört, kann begreifen, welche tiefen Veränderungen Russland durchmacht. Er wird verstehen, dass das Land viel zu groß ist, als dass es sich unter westlichen Umarmungen oder Zurückweisungen drehen würde. Manche behaupten, das Land hätte seinen speziellen Weg nur deshalb genommen, weil der Westen sich so oder so verhalten habe. Das ist nichts weniger als eine Beleidigung für ein europäisches Land dieser Größe. Russland lässt sich nicht von außen steuern oder manipulieren. Seine Gegenwart ist das Ergebnis eines Regierungswechsels von Jelzin zu Putin 1999. Sie ist geprägt von 14 Jahren mit Wladimir Putin. Sie ist das Ergebnis einer Wirtschaft, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von den Rohstoffmärkten weiter Gefahren ausgesetzt ist. Sie ist das Resultat von langen Debatten über die eigene Identität seit den frühen neunziger Jahren. Russland wächst aus sich selbst heraus.

Ich traf neulich in Moskau einen engen politischen Berater des Kremls und erfahrenen Analytiker der politischen Szene Russlands. Konstantin Kostin hat schon Wladimir Putin und Dmitri Medwedew in Wahlkämpfen assistiert. Er leitet heute die regierungsnahe Stiftung für die Entwicklung der Zivilgesellschaft. Wir sprachen erst über die Ukraine, um dann auf Russland zu kommen. Aber beides hat viel miteinander zu tun.

Den Sturz des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch im Februar 2014 bezeichnet Kostin als "Staatsstreich". Er vergleicht die Geschehnisse mit der russischen Februar-Revolution 1917, als der russische Zar Nikolaus II. stürzte. "Die Februarevolution war gewaltfrei. Aber dann kamen die Bolschewiki mit Waffen und haben einen Staatsstreich daraus gemacht. Die Bolschewiki waren wie die Führer des Maidan in Kiew. Sie haben unrechtmäßig und gewalttätig die Macht ergriffen. Das war ein rein bolschewistischer Zugang in Kiew."

Aus Kostins Sicht holt die Ukraine heute nach, was Russland überwunden hat. 1993 habe es in Russland den Versuch eines Staatsstreichs gegeben. "Aber wir sind durch dies Phase durch", sagt Kostin. "Das wird es in Russland nicht mehr geben, es ist so unmöglich wie in Deutschland und den USA geworden. Wir sind jetzt in der nächsten, in der höheren Etappe. Die Ukraine ist hinter uns zurückgefallen." Aber was ist mit den Bolotnaja-Protesten zur Zeit der Wiederwahl von Präsident Putin 2012? "Das war eine Protestwelle gegen die Dumawahl, keine Farbenrevolution. Es gab keine Gewalt, keine Waffen." Nur Radikale hätten dazu aufgerufen, die "orange Technologie zu benutzen: ewig auf der Straße zu bleiben, ständig mit der Polizei den Konflikt zu suchen, andere ernsthaft zu verletzen, sich selbst als Demokraten und die anderen als Diktatoren zu bezeichnen. Das haben wir alles hinter uns gelassen."

Viele Anhänger von Präsident Putin sehen Russland heute als eine konsolidierte Gesellschaft, die zu sich gefunden hat. Der Präsident selbst zeigt sich gern öffentlich mit Kirchenvertretern, er spricht von einem "konservativen Russland". Was bedeutet das?

Es bedeutet, "sich auf Traditionen und Werte zu stützen", sagt Kostin. "Es bedeutet, für Familie, Moral und christliche Kultur einzutreten. Es bedeutet, Radikalismen abzulehnen. Man will nicht alles zerstören, was existiert. Ganz wie in der ganzen Welt: Konservative teilen Familienwerte und Moralvorstellungen."

Kostin sieht Europa und Russland eng mit einander verbunden: durch "eine gemeinsame Kultur, ein gemeinsames Bewusstsein und Mentalität und christliche Werte." Man könnte meinen, dafür gäbe es auch genügend Verbündete in Amerika, schaut man auf die Entwicklung der Republikaner. Kostin ist da vorsichtig. Die Amerikaner hielten sich für andere, sagt er, sie seien höflich, aber distanziert. In Europa sei das Klima freundlicher. "Dort gibt es Freunde von Russland. Das ist Realpolitik. Diejenigen, die mit Russland arbeiten, sehen Russland als europäischen Staat. Die AfD gefällt mir oder die Ultrakonservativen in Frankreich von Marine Le Pen."

Man müsse den Nachbarn respektieren, sagt Kostin. "Respekt ist sehr wichtig. Auch die Unterschiede müssen respektiert werden."

Kostins Sichtweise unterscheidet sich von der vieler Deutscher. Man sollte sie wahrnehmen und respektieren, wie auch die tiefen Veränderungen in Russland. Manche Leute in Deutschland wollen aber nur ihre Wunschbilder respektieren und schreiben auf der Grundlage dramatische Aufrufe an die Bundesregierung. Wer genau zuhört, erfährt mehr.

Liebe Leser, dies ist die letzte Kolumne in diesem Jahr. Wie schon im vergangenen Jahr hält "Fünf vor 8:00" Weihnachtsfrieden. Die nächste Morgenkolumne wird am 5. Januar erscheinen.