Alice Bota ist Politik-Redakteurin der ZEIT in Hamburg © Privat

Zwei Nachrichten am Rande, die ihre ganz eigene Geschichte geschrieben haben: In Polen wurde zum ersten Mal ein offen schwul Lebender zum Bürgermeister gewählt. Die Stadt Słupsk wird nun von einem Schwulen regiert, der als Aktivist für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen bekannt ist und einer der ersten polnischen Politiker war, die auf der Gleichheitsparade in Warschau mitliefen. In Lettland schrieb ein paar Wochen zuvor der Außenminister Edgars Rinkēvičs auf Twitter: "Ich gebe stolz bekannt, dass ich schwul bin ... Euch allen viel Glück." Der Zeitpunkt für den Tweet schien überlegt gewählt: Er schrieb die Sätze einen Tag nach seiner offiziellen Ernennung als Außenminister.

Beide Politiker sind etwa gleich alt (Biedroń 38, Rinkēvičs 41), beide stehen für eine Generation von Männern, die ihr Schwulsein nicht mehr bedingungslos verstecken wollen, in der das Schwulsein aber auch nicht selbstverständlich ist. Und beide verkörpern in ihren Ländern, jeder auf seine Weise, nun eine enorme Hoffnung für Schwule.

Nun kann man finden, dass es nervt: Dieses Reden darüber, mit wem man gern Sex hat. Dass es niemanden etwas angeht, wen ein Politiker liebt, ob Männer oder Frauen oder beide. Klaus Wowereit – schwul, und es war nichts dabei. Jens Spahn, Ole von Beust, Guido Westerwelle – schwul, nix dabei. Interessant ist allenfalls, dass einem spontan keine Politikerin einfällt, die offen lesbisch lebt.

In Deutschland mag mittlerweile jeder zweite Artikel über Schwule mit einem "Und das ist auch gut so" enden, weiter östlich (und nicht nur da) sieht es anders aus. Zwar gibt es in Polen mittlerweile ein paar sehr wenige Schwule im Parlament (wie viele genau, ist nicht bekannt); es gibt zum ersten Mal einen schwarzen Abgeordneten und einen Mann, der heute als Frau lebt. Die Zeiten ändern sich, aber für diejenigen, die genug davon haben, als störende Randerscheinungen der Gesellschaft missverstanden zu werden, ändern sie sich eben nicht schnell genug. Es ist noch nicht lange her, dass in Warschau Gleichheits- und Gaypride-Paraden erst gar nicht zugelassen oder in Belgrad, Budapest, Kiew angegriffen wurden.

Im weißrussischen Minsk musste sich Guido Westerwelle bei seinem Besuch extrem schwulenverachtende Bemerkungen vom Diktator Lukaschenko anhören. In Moskau gibt es Gesetze, die das Sprechen über Homosexualität als Propaganda bestrafen und von der Mehrheit der Russen als richtig angesehen werden. Jemand wie Rinkēvičs riskiert deshalb viel, indem er öffentlich macht, Männer zu lieben. Das Private ist sehr oft eben doch politisch. Man kann sich vorstellen, wie schwer er es haben wird, künftig mit russischen Politikern zu verhandeln und das wird er oft tun müssen: Das Baltikum bekommt derzeit die Machtspiele aus Moskau zu spüren, in Lettland lebt eine nicht unerhebliche Minderheit von russischen Staatsbürgern. Rinkēvičs wird sehr genau gewusst haben, warum er seine Orientierung erst nach seinem Wahlkampf bekannt gab. Das war sein gutes Recht, auch wenn ihm nun manche vorwerfen, die Wähler bewusst getäuscht zu haben.

Kein Platz in der Politik

Der Pole Biedroń wurde als Schwuchtel und Päderast beschimpft. Seit seiner Jugend ist er in der Politik aktiv, mehrfach wurde er körperlich attackiert. Die im Herbst neu ernannte Premierministerin meinte vor ein paar Jahren, dass es für einen wie ihn keinen Platz in der Politik gebe. Noch als Jugendlicher hat er, nachdem ihm bewusst wurde, dass er schwul war, sein Leben zu beenden versucht. Die Reaktion der Psychologin, bei der er anschließend Hilfe suchte: Mach dir keine Sorgen, das geht vorbei mit dem Schwulsein.

Die Angst vor Schwulen und Lesben sitzt tief. Ich habe nichts gegen Schwule, aber: Sie sollen sich nicht anfassen. Bitte nicht in der Öffentlichkeit küssen. Bitte nicht heiraten dürfen. Als gebe es ein Ringen zwischen Heteros und Homos um eine unentschiedene Mehrheit, die man jeweils bekehren könnte. Als wären Schwule und Lesben schuld daran, dass immer mehr Heteros ihre Ehen krachend an die Wand fahren. Dass Słupsk eine der höchsten Scheidungsraten in Polen hat und nun von einem Schwulen regiert wird – das kann kein Zufall sein!

Biedroń liegt die Provokation und die manchmal entgleiste Übertreibung, sie ist zu seiner Form der Wehrhaftigkeit geworden. Doch während seiner Wahlkampagne verzichtete er auf provokante Worte. Stattdessen ging es bei ihm um über erneuerbare Energien, Strom, EU-Investitionshilfen, das, was die Leute halt wirklich im Leben betrifft. Mehr als 50 Prozent wählten ihn schließlich im zweiten Durchgang. Und das ist auch gut ... Ach, lassen wir das.