Ein Foto des früheren tunesischen U-21-Nationalspielers Nidhal Selmi (r.), der als islamistischer Kämpfer in Syrien starb © Zoubeir Souissi/Reuters

Einst waren die Berge von Chaambi eine Idylle. Hier im Westen Tunesiens haben schon die Phönizier und Römer Holz für ihren Schiffbau geschlagen. 1980 wurde die Bergregion nahe der Grenze zu Algerien zum Nationalpark erklärt. Doch das ist Vergangenheit. Chaambis traurige Gegenwart begann, als am 29. April 2013 eine schwere Explosion durch die einsamen Täler hallte.           

Bassam Bel Hadj Yahya gehörte damals zur Anti-Terror-Einheit der Nationalgarde. Um sechs Uhr früh traf seine Truppe ein, alarmiert von Bewohnern, die bewaffnete Gestalten in der Region beobachtet hatten. Während des Einsatzes riss eine Tretmine dem Offizier das linke Bein ab, das rechte wurde zertrümmert.    

Dies war der Auftakt eines rasch eskalierenden Kleinkriegs zwischen Terroristen und Sicherheitskräften in der schluchtigen Region, der bisher mehr als 60 Tote und 110 Verletzte gefordert hat. Allein im letzten Juli, während des Ramadans, starben 15 Soldaten, als Dschihadisten kurz vor dem Fastenbrechen ihr Zeltlager überfielen. Einen schwereren Angriff auf Soldaten hat es seit der Unabhängigkeit des Landes 1956 nicht gegeben.

Heute trägt Bassam Bel Hadj Yahya eine Prothese und kann nach monatelanger Reha in Frankreich wieder laufen. Der 37-Jährige wohnt in La Marsa, einem wohlhabenden Seeort vor den Toren von Tunis. Unter seinen Nachbarn, sagt er, gibt es mindestens drei Familien, deren Söhne als Gotteskrieger in Syrien gestorben sind. Eine junge Studentin von hier wurde kurz vor den Parlamentswahlen bei einem Anti-Terror-Einsatz in Tunis zusammen mit vier Komplizinnen erschossen. "Es gibt viele, die den Dschihad rechtfertigen – im Supermarkt, beim Arzt oder beim Friseur", erzählt der Offizier aus seinem Alltag. "Manchmal versuche ich, mit ihnen zu diskutieren, meist aber gehe ich einfach weg."

Die Armen wollen nach Europa, die Reichen in den Krieg

Die meisten Kämpfer des "Islamischen Staates" stammen aus Tunesien. Nach Schätzung des Innenministeriums kämpfen 3.000 junge Männer, teilweise auch junge Frauen, in Syrien und im Irak. 9.000 wurden bisher an der Ausreise gehindert, etwa 300 sind zurückgekehrt, mindestens 170 gestorben. Auffallend viele stammen aus Mittelklasse-Familien, waren Studenten, angestellt im öffentlichen Dienst oder hatten gut bezahlte Berufe im Privatsektor. "Die Armen wollen nach Europa, die besser Gestellten gehen nach Syrien – das ist besonders beunruhigend", erläutert Mohamed Iqbal Ben Rejeb, Gründer von Ratta, einer Organisation, die tunesischen Familien hilft, ihre Söhne aus Syrien oder dem Irak zurückzuholen. "Sie träumen vom Paradies, wollen als Märtyrer sterben und propagieren eine Kultur des Todes."

Rejeb ist selbst ein Betroffener. Der Grund dafür, dass er die Initiative gründete, war sein an den Rollstuhl gefesselter, 23-jähriger Bruder Hamza, der sich eines Tages per SMS als Mitglied der Nusra-Front aus Syrien meldete. "Wir waren total schockiert", erinnert sich Mohammed. Unter Tränen beschwor er im Fernsehen den Abtrünnigen, zurückzukommen, was dieser nach einigem Hin und Her dann auch tat.

Die Zahl der Familien in Tunesien, die solche Schicksale teilen, geht inzwischen in die Abertausende. Der Sohn eines Kulturdirektors war Flugbegleiter, bevor er untertauchte und im Irak starb. Der Sohn eines Generals kam in Syrien um, ein anderer Dschihad-Rekrut ließ hochschwangere Frau und erstgeborenes Kind in Tunesien zurück und wurde getötet. "Wir haben uns erst nichts dabei gedacht, als Sofian begann, regelmäßig in der Moschee zu beten, sich einen Bart wachsen zu lassen und erklärte, er wolle sein Leben Allah widmen", berichteten die Eltern eines anderen Kämpfers. Eines Tages meldete er sich bei seiner Mutter per Skype aus Syrien. Monate später fand die Familie auf Facebook seinen Namen auf einer Website für sogenannte Märtyrer.  

Der Nationalspieler, der für die Islamisten starb

Der U21-Fußball-Nationalspieler Nidhal Selmi aus Sousse ließ sich kurz vor seinem Tod in Syrien in Tarnuniform und Kalaschnikow fotografieren. "Sein Wandel vollzog sich innerhalb weniger Monate", berichtet Sami Mssoli, der frühere Jugendtrainer des Sportstars. Selmi galt als lebensfroh, flirtete gern und spielte in Cafés mit Freunden Karten. "Ich weiß nicht, was in ihm abgelaufen ist, aber das Ganze ist ein sehr ernstes Phänomen."

Der Wissenschaftler Alaya Allani von der Manouba-Universität in Tunis nennt mehrere Faktoren, die diese dramatische Entwicklung heraufbeschworen haben. Rund ein Drittel der 5.100 Moscheen im Land seien im Gefolge des Arabischen Frühlings unter den Einfluss gewaltbereiter Salafisten geraten. Schon bald hätten die tunesischen Radikalen mit Gleichgesinnten in Libyen kooperiert. Die Regierung sei viel zu spät und viel zu halbherzig gegen die Radikalisierung eingeschritten.

"Die können wir zurückgewinnen"

Zudem seien nach der Revolution 8.000 Vereine gegründet worden, von denen zwei Drittel nur dazu dienten, um Kämpfer zu rekrutieren. "Etwa 5.000 Euro fließt für das Anwerben einer Person, das Geld kommt meist aus Katar, aber auch aus Kuwait und Saudi-Arabien", sagt Alaya Allani. Er spricht von einer regelrechten Dschihad-Industrie.

Jedoch gewinne der tunesische Staat langsam wieder die Oberhand. Zahlreiche Rekrutierungsbüros wurden geschlossen, die staatliche Kontrolle über die meisten radikalen Moscheen zurückgewonnen. Seit dem ersten Tretminen-Attentat in den Chaambi-Bergen Ende April 2013 wurden 1.500 Extremisten festgenommen. Allani hat ihre Ansichten in einer Studie analysiert. Zehn Prozent seien Überzeugungstäter, weitere zehn Prozent durch Familienmitglieder ins Milieu abgerutscht. 80 Prozent dagegen klassifiziert er als Mitläufer.  

Der neuen demokratischen Regierung, wenn sie gebildet ist, will er ein breit angelegtes Rehabilitationsprogramm sowie eine Nationale Konferenz gegen Terrorismus vorschlagen. "Die große Mehrheit der jungen Leute sind Verführte", sagt er. "Die können wir zurückgewinnen."