Ukrainische Soldaten in Kiew © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Niemand will Krieg – man wünschte, es wäre so, wie die prominenten Unterzeichner eines Aufrufs zu einer anderen Russland-Politik zuallererst feststellen. Dann nämlich würden im Osten der Ukraine wohl längst keine Raketen mehr fliegen. Dann wären nicht Tausende Menschen gestorben. Dann dürfte es das alles gar nicht geben, mitten in Europa.

Russland hatte alle Möglichkeiten, den Frieden zu erreichen. So wie es etwa die Minsker Vereinbarungen zum Waffenstillstand vorsehen. Also Waffen und Soldaten abziehen, Grenze sichern, oder auf den Punkt: die staatliche Souveränität der Ukraine achten, statt einen Krieg zu schüren, der die frühere Sowjetrepublik von ihrer selbst gewählten Annäherung an den Westen abbringen und im Orbit russischer Machtansprüche festhalten soll.

Was allerdings bemerkenswert an diesem Aufruf ist: Die Ukraine, diese stolze Nation, kommt nur als Objekt einer geopolitischen Konkurrenz um Einflusssphären vor.

Die Unterzeichner sehen dabei Nordamerika, die Europäische Union und Russland in einer "unheilvollen Spirale aus Drohung und Gegendrohung". Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim stellen sie auf eine Stufe mit der angeblich "bedrohlich wirkende(n) Ausdehnung des Westens nach Osten ohne gleichzeitige Vertiefung der Zusammenarbeit mit Moskau", als hätte es nicht unzählige Plattformen und Angebote zur Kooperation gegeben, an denen der Kreml kein Interesse zeigte. Was der Aufruf als richtige Lehre aus dem Ukraine-Konflikt festhält: "Die Sucht nach Macht und Vorherrschaft ist nicht überwunden" – sie schreiben es dennoch beiden Seiten gleichermaßen zu. Noch einmal: kein Wort darüber, welche Zukunft die Ukraine anstrebt. Man gewinnt den Eindruck: Für diese Gruppe besorgter Friedensaktivisten gibt es sie gar nicht.

Stattdessen dreht sich alles um die "Furcht der Russen", die man verstehen müsse: bedrängt von der Nato, ausgeschlossen, historisch missverstanden. Leitartikler und Kommentatoren, heißt es da, dämonisierten ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Das Ziel einer tragfähigen europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung sei bis heute nicht eingelöst. Schläfrig und unvorsichtig hätten die Erfolge der Entspannungspolitik und der friedlichen Revolutionen gemacht, in Ost und West.

Keine harmlose Nivellierung

Diese Nivellierung ist alles andere als harmlos. Natürlich bleibt es wichtig, auch Fehler des Westens offen zu kritisieren. Doch die Logik des Friedensappells ist eine andere. Da gehört Russland zu den "anerkannten Gestaltungsmächten Europas", gegen dessen Stärke nichts auszurichten sei: "Alle, die versucht haben, das gewaltsam zu ändern, sind blutig gescheitert – zuletzt das größenwahnsinnige Hitler-Deutschland, das 1941 mordend auszog, auch Russland zu unterwerfen."

Mit den brutal-imperialistischen Auswüchsen seines Gestaltungswillens haben wir uns also abzufinden? Oder haben sie gar selbst zu verantworten, weil wir Russland provozieren, isolieren oder attackieren? Die fortgesetzte Aggression im Osten der Ukraine jedenfalls findet in dem Aufruf nicht einmal Erwähnung. Was um Donezk oder Luhansk passiert, scheint in einer anderen Welt stattzufinden.

Mit schaler Friedensrhetorik warnt der Aufruf vor einem Krieg, der längst stattfindet. "Die Menschen in Europa müssen wieder Angst haben", steht dort. Vielleicht müssen sie das, und die Mahnung zu Besonnenheit und Dialog ist aller Ehren wert. Doch der Appell der Unterzeichner richtet sich allein an Deutschland. Ganz einfach scheint das alles zu sein: ein bisschen Entspannungspolitik, die Russland als gleichwertigen Partner achtet, nicht mehr nur Feindbilder aufbauen und einseitige Schuldzuweisungen, weniger Vorurteile in den Medien – einfach Frieden schließen.

Diese Sicht krankt nicht nur daran, dass sie einfach hinnimmt, was bisher geschehen ist, und sich damit dem Recht militärischer Stärke beugt. Eine Antwort darauf etwa, wie mit der Annexion der Krim umzugehen sei oder mit der Aggression im Osten der Ukraine, gibt der Aufruf nicht. Man ahnt aber zwischen den Zeilen: Belassen wir es doch einfach dabei, wir sind zu schwach.

Die Unterzeichner gehen gleichzeitig davon aus, die russische Führung habe ein ebenso ausgeprägtes Interesse am Frieden und die Bereitschaft, auf dem Weg dorthin Kompromisse zu machen. Gerade einen Tag nach der großmachtlüsternen Rede Wladimir Putins zur Lage der Nation, die einmal mehr voller Drohungen gegen Europa und die USA, voller Rechtfertigungen für die gewaltsame Expansion Russlands war und das Land als Opfer eines westlichen Weltherrschaftsdrangs stilisierte, ist diese Hoffnung zumindest erklärungsbedürftig.

Der Dialog mit Russland, den der Aufruf fordert, er findet doch permanent statt: Gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier haben ihn ununterbrochen geführt. Dabei allerdings mussten sie ein ums andere Mal die Erfahrung machen, dass den Worten keine Taten folgten, mussten sich belügen lassen, während weiter russische Waffen und Soldaten in die Ukraine strömten. Sie mussten damit umgehen, dass Russland im selben Moment den Westen mit unsäglicher Propaganda in den Dreck zieht, in dem es ihm auf Augenhöhe begegnen will.

Niemand will Krieg? Und "es geht nicht um Putin", wie es in dem Aufruf heißt? So, wie die Unterzeichner mit der durchaus realen Angst vor dem Krieg in der deutschen Bevölkerung spielen, wird man das Gefühl nicht los, dass eben dieser Mann ihnen einen großen Schrecken eingejagt hat. So sehr, dass sie darüber die Ukraine vergessen haben. Die Signale der Entspannung, die sie sich wünschen, wollen sie für sich selbst: Lasst uns mit diesem Krieg in Frieden.