Weit mehr als 500-mal genehmigte US-Präsident Barack Obama den Abschuss tödlicher Drohnen auf mutmaßliche Terroristen. Meist auf Knopfdruck des US-Geheimdienstes CIA schlugen sie in Afghanistan und Pakistan ein, im Jemen und im Irak, in Somalia und Mali. Auf diese Weise wurden bereits mehrere Terroristenführer umgebracht. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Obama behauptet, der Einsatz von unbemannten Drohnen sei die zugleich "präziseste" und "schonendste" Waffe im Kampf gegen den Terrorismus, denn sie verursache nur geringe Kollateralschäden, also verhältnismäßig wenig zivile Opfer. Der Präsident spricht von "gezielter Tötung".

Sein US-Außenminister John Kerry rechtfertigte den Drohnenkrieg gegenüber dem britischen Nachrichtensender BBC so: "Die einzigen Menschen, auf die wir eine Drohne abfeuern, sind erwiesener Maßen terroristische Ziele auf höchster Ebene – und auch das nur nach sehr vielen Sicherheitsüberprüfungen, die lange Zeit in Anspruch nehmen. Wir feuern nicht einfach eine Drohne auf jemanden ab und denken, er sei ein Terrorist."

Der Präsident und sein Außenminister haben unrecht. Der Drohnenkrieg ist weder präzise noch schonend. Die amerikanische Regierung schweigt nicht nur über die wahren Folgen, sie verschweigt diese. Denn nach allem, was man bislang weiß und was Menschenrechtsvereine und Denkfabriken in Europa wie in Amerika an Beweisen zutage gefördert haben, fordert dieser Krieg sehr viele unschuldige Opfer.

Die neueste und genaueste Studie stammt von der angesehenen britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve, die ihre Zahlen der britischen Tageszeitung The Guardian in der vergangenen Woche zur Verfügung gestellt hat. Die Experten von Reprieve haben bis Ende November Drohnenattacken auf 24 mutmaßliche Terroristen in Pakistan und 17 mutmaßliche Terroristen im Jemen untersucht. Ihr Ergebnis: Oftmals mussten mehrere Angriffe geflogen werden, bevor das Ziel getroffen wurde. Am Ende starben 34 der ins Visier Genommenen, doch mit ihnen weitere 1.147 Menschen, darunter etwa 150 Kinder.

Wie "präzise" und "schonend" also ist diese angebliche Wunderwaffe, wenn mit jedem Terrorverdächtigen mindestens weitere 28 Menschen ihr Leben lassen müssen?

Die Zahlen von Reprieve bilden nur einen kleinen Ausschnitt des Drohnenkriegs ab. Denn die Geheimdienstler der CIA – und in einem weit geringeren Umfang auch die US-Militärs – setzen Drohnen nicht nur gegen konkrete und namentlich bekannte Personen ein. Sie fliegen auch Angriffe gegen unbekannte Menschen, die sie aber aufgrund eines bestimmten, musterhaften Verhaltens für verdächtige Terroristenführer halten. Eine eher konservative Schätzung der amerikanischen Denkfabrik Council on Foreign Relations kommt zu dem Ergebnis, dass bei 500 Drohnenangriffen außerhalb Afghanistans und des Iraks insgesamt 3.674 Menschen getötet wurden.

Der Drohnenkrieg macht auch vor Amerikanern nicht Halt

Obama hat den Drohnenkrieg ins Zentrum seiner nationalen Sicherheitspolitik gerückt. Dieser Krieg macht selbst vor amerikanischen Staatsbürgern nicht halt, die sich zu Anführern islamistischer Terrorgruppen aufgeschwungen haben. Vor drei Jahren wurde mit einer Drohne im Jemen der Amerikaner Anwar al-Awlaki getötet – und einen Monat später auch sein 16-jähriger Sohn Abdul Rachman.

Der Drohnenkrieg ist ein unerklärter Krieg. Er verletzt das Souveränitätsrecht der Staaten und verstößt gegen deren territoriale Integrität. Die Exekution des Drohnenangriffs beruht zudem nur auf einem bloßen Verdacht, auf Mutmaßungen des Geheimdienstes und obskurer Informanten. Die Belege bleiben im Dunkeln, es gibt keine Beweisermittlung, keine Öffentlichkeit, der Beschuldigte erhält keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Es ist eine Tötung ohne Prozess. Bis heute wartet man darauf, dass die amerikanische Regierung dafür endlich eine umfassende rechtliche Begründung vorlegt.

Bislang rechtfertigen der Verfassungsrechtler Obama und seine Kronjuristen den Einsatz der Drohnen pauschal mit dem Recht auf Selbstverteidigung. Amerika müsse sich schützen und Terroristen gerade in jenen Ländern nachstellen, die zum Antiterrorkampf nicht in der Lage oder nicht Willens seien. Obama & Co halten den Drohnenkrieg überdies für verhältnismäßig, weil er weniger Opfer fordere als ein tatsächlicher Krieg und ein flächendeckendes Bombardement.

Nicht jedes Argument des Präsidenten ist von der Hand zu weisen. Kein Staat der Welt kann akzeptieren, dass es für Terroristen in irgendeinem Land gesetzliche Freiräume und Rückzugsräume gibt, dass sie etwa in Pakistan oder im Jemen unbehelligt und in aller Ruhe Attentate planen und üben dürfen.

Doch Obama hat im vergangenen Jahr zugesagt, den Drohnenkrieg einzuschränken und einzugrenzen. Er wollte die Ausführung vom CIA auf das Pentagon übertragen, weil das US-Militär an strengere Gesetze gebunden ist als die Geheimdienste. Er sicherte außerdem zu, Terroristenführer nur noch dann töten zu lassen, wenn man ihrer nicht auf andere Weise habhaft werde – und zugleich mit "ziemlicher Gewissheit" zivile Opfer ausgeschlossen werden könnten. Die Zahlen von Reprieve aber drücken eine andere Wahrheit aus. Wieder einmal hat der Präsident ein Versprechen im Antiterrorkampf nicht eingehalten.