Der russische Präsident Putin und sein französischer Kollege Hollande bei einem Treffen im Moskau am 6. Dezember © Alain Jocard/Reuters

Früher machten die Deutschen Ostpolitik, während die Franzosen vor den sowjetischen Raketen warnten. Kann es sein, dass das heute umgekehrt läuft? Während die Kanzlerin kürzlich vor weiteren Abenteuern Putins in Europa warnte, empfahl ihr ehemaliger Regierungspartner in Paris, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Frankreich möge einen 2011 noch von ihm gezeichneten Deal mit Putin einhalten und zwei französische Hubschrauberträger des Modells Mistral – einer von ihnen ist bereits einsatzfertig – vertragsgemäß an Russland ausliefern. Nichts käme der Berliner Politik derzeit ungelegener. Aber gab es in Frankreich Empörung über den Vorschlag Sarkozys? Wenn ja, war sie in der Öffentlichkeit nicht vernehmbar. Sarkozy gewann unbeschadet die Wahlen zum Vorsitz der rechten Oppositionspartei UMP.

Andere gehen links vom Rhein noch viel offener mit Putin hausieren: Der rechtsradikale Front National (FN) hat sich sein Bündnis mit dem russischen Patron auf die Fahnen geschrieben. Als kürzlich herauskam, dass der FN Kredite von Putin-nahen russischen Banken in der mutmaßlichen Höhe von bis zu 40 Millionen Euro bezieht, zeigte die FN-Vorsitzende Marine Le Pen keine Spur von Scham. Stattdessen lobte sie Putins Patriotismus und schimpfte auf die Vaterlandsverräter im französischen Bankwesen, die den FN nicht für kreditwürdig hielten. Zum weiteren Beweis ihrer Russland-Treue lud Le Pen zwei hochrangige Vertreter Putins  zum Parteitag Ende November in Lyon, stellte sich mit ihnen auf die Bühne und ließ die Anhängerschaft jubeln.

Vielen Franzosen gefällt das offenbar. Sie sehen Putin nicht so sehr als potenziellen Diktator und Völkerrechtsbrecher auf der Krim, sondern als das normale Gegengewicht zu Deutschland in Europa. "Danke Putin", sagt selbst der liberale, pro-europäische Publizist Alain Minc im ZEIT-Interview (siehe Feuilleton diese Woche), weil er glaubt, dass Putins aggressive Machtbestrebungen ein erstarktes Deutschland zurück in die Arme Frankreichs und der Westeuropäer treiben.

Mali ist näher als die Ukraine

Legion sind die französischen Intellektuellen und Analysten, die in der Tradition der populären französischen Präsidenten Charles De Gaulle und François Mitterrand ihr eigenes Land noch heute lieber außerhalb der Nato sähen. Französisches Interesse sei es, sagt der bis heute einflussreiche, ehemalige Mitterrand-Adlatus Jacques Attali, "beide Teile Europas zu verknüpfen, um die Nachbarn vor Angriffen abzuschrecken". Er knüpft damit an die alte gaullistische Maxime von einem Europa "vom Atlantik bis zum Ural" an, die im Denken der französischen Militärexperten und Strategen bis heute ihren festen Platz hat.

Aber auch die normalen Franzosen ticken anders als die vom Krieg in der Ukraine angekratzten Deutschen. Für sie liegen andere Kriege näher: In Syrien oder Mali, von wo sie ständig auf die französisch geprägten Länder Algerien und Libyen überzugreifen drohen – und überall dort ist Putin nicht der schlimmste Bösewicht. Zwar unterstützt Präsident François Hollande bisher ohne Zwischenton die Russland- und Ukraine-Politik der deutschen Kanzlerin. Doch es ist schon auffällig, wie wenig er sich dabei persönlich aus dem Fenster hängt. Seine Entscheidung, die zwei Mistral-Flugzeugträger vorerst nicht an Moskau auszuliefern, gab er mit einem lakonischen Zwei-Zeilen-Kommuniqué bekannt. Als hätte eigentlich auch er lieber geliefert, wenn ihm sämtliche Nato-Partner dann nicht aufs Dach gestiegen wären.