Mahienour El-Massry wirkt völlig unbeeindruckt. Vier Monate saß die junge Anwältin im Gefängnis - seit kurzem ist sie auf freiem Fuß und kann jederzeit wieder eingesperrt werden. Wenn die bekannteste Aktivistin von Alexandria über die Lage der Demokratiebewegung in Ägypten redet, greift sie gerne zu Metaphern aus der Boxersprache. "Wir haben schwer eingesteckt", sagt die 29-Jährige. "Eine Runde haben wir verloren, aber nicht den gesamten Kampf." Und so ist sie weiterhin mit schier unermüdlichem Elan unterwegs – mal verteidigt sie inhaftierte junge Muslimbrüder vor Gericht, mal wacht sie in der Dekheyla-Polizeistation bei syrischen Bootsflüchtlingen, die von der Küstenwache verhaftet wurden, damit diese nicht gefoltert oder abgeschoben werden. Mal klettert sie auf schwindelnd hohe Fabrikmauern, wie bei der Arzneifirma "Pharco", um den für mehr Lohn streikenden Arbeitern auf der anderen Seite Essen herunterzuwerfen. Oder mal harrt sie, wie an diesem Vormittag, zusammen mit einer Handvoll anderer Aktivisten in windiger Kälte bei den Beschäftigten der "Alexandria Textilfaser-Werke" aus, die alle 400 entlassen werden sollen, weil der indische Investor den ehemaligen Staatsbetrieb abreißen und das Grundstück teuer verkaufen will.

Mahie, wie ihre Freunde sie nennen, gehört zu den Revolutionären Sozialisten, eine der ganz wenigen säkularen Parteien, die die vom Ägyptens Militär erzwungene Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli 2013 nicht bejubelte, sondern ablehnte. Ihre Tante Sanaa war ihr Vorbild - aktive Kommunistin und bis zu ihrem Tod 2001 das rote Schaf in der ansonsten strenggläubig-islamischen Familie. Ihr Vater dagegen, der 2009 starb, war immer strikt gegen die politische Arbeit seiner ältesten Tochter. Einmal zerrte er die Widerspenstige sogar eigenhändig aus einer Demonstration, so dass ihre Freunde dachten, der wütende Mann gehöre zur Staatssicherheit. Nach dem Sturz Mubaraks am 11. Februar 2011 ging Tochter Mahienour zu seinem Grab, wie sie in einer Dokumentation über Frauen im Arabischen Frühling erzählt: "Vater, Du hast immer gesagt, die Welt wird sich niemals ändern, es gibt keine Hoffnung, Leiden gehört zum menschlichen Dasein", sagte sie dem Toten. "Ich wünschte, Du wärst hier und könntest sehen, dass die, die du immer Sklaven genannt hast, keine Sklaven mehr sind. Ihr Leben wird besser sein, denn sie haben an ihre Träume geglaubt."

Heute, im Ägypten von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi, jedoch dominieren vor allem die Albträume. Mindestens 20.000 politische Gefangene sitzen hinter Gittern, mehr als 1800 Menschen sind nach Sissis Machtübernahme durch Polizeikugeln gestorben – die Hälfte allein am 14. August 2013 auf dem Rabaa Adawiyya Platz in Kairo, dem schlimmsten Massaker durch Sicherheitskräfte in der modernen Geschichte Ägyptens. Allein im vergangenen Jahr sind nach Zählung von Bürgerrechtlern etwa 100 Menschen in Arrestzellen an Folter und Misshandlungen gestorben. Andere Verhaftete bleiben für Monate verschwunden, bis sie irgendwann wieder schwer misshandelt auftauchen. In Alexandria sitzen teilweise neunzig Menschen in einer Zelle für zwanzig, darunter 14-Jährige, die ohne jeden Grund festgehalten werden, berichten Davongekommene. In Oberägypten wurden hunderte Angeklagte in bizarren Massenprozessen, die teilweise nur eine halbe Stunde dauerten, zum Tode verurteilt, darunter Teenager, Behinderte und bereits Gestorbene.

Im Gegenzug wächst der Terror. Auf dem Sinai hat sich eine Filiale des "Islamischen Staates" etabliert, auf der anderen Seite in der Wüste zu Libyen ist die Lage inzwischen so brisant, dass Touristen dort nicht mehr unter freiem Himmel übernachten dürfen. Nahezu 600 Soldaten und Polizisten sind bereits durch Attentäter ums Leben gekommen, auch in der Metro von Kairo wurden mehrfach Bomben gezündet.

Unterschriften gegen Polizeiwillkür

Alexandria ist eine Stadt der Widersprüche – säkular und weltoffen, seit der Antike kosmopolitischer Hafen mit Blick nach Europa, seit zwei Generationen auch Salafistenhochburg mit Blick nach Saudi-Arabien. Alexandria war Schauplatz des bisher einzigen Selbstmordattentats auf Christen in Ägypten an Neujahr 2010 mit 23 Toten. Alexandria ist aber auch Heimat koptischer Gemeinden, die anders als ihre Mitgläubigen in Oberägypten, selbst in den gewalttätigsten Zeiten nach dem Sturz von Mohammed Mursi keine brennenden Kirchen erlebten und nicht unter permanenten Entführungen oder Lösegelderpressungen leiden.

Hier in der Fünf-Millionen-Metropole am Mittelmeer, nicht auf dem weltberühmten Tahrir-Platz in Kairo, begann das Ende von Hosni Mubarak, sieben Monate vor dem eigentlichen Sturz des Langzeit-Pharaos im Februar 2011. Damals, am 6. Juni 2010,  prügelten zwei Polizisten in Zivil in einem Internet-Café an der Medhat Seif al-Yazal Khalifa Straße im Stadtteil Kleopatra den Blogger Khaled Saeed zu Tode. Fotos der übel zugerichteten Leiche zirkulierten tags darauf im Internet. Der Brustkorb war zerquetscht, Schädel und Zähne eingeschlagen, der Kiefer gebrochen, das Gesicht von den Schlägen und Tritten bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Aktivisten in Alexandria begannen, Unterschriften gegen Polizeiwillkür zu sammeln, viele wurden dafür gejagt und zusammengeschlagen. "Wir sind alle Khaled Saeed" nannte von Dubai aus der ägyptische Computerspezialist und Google-Werbechef, Wael Ghonim, seine neue Facebook-Protestseite, die bald mehr als 150.000 Sympathisanten anzog. Hier postete Ghonim für den 25. Januar 2011 seinen ersten Demonstrationsaufruf, der Cyber-Zündfunke für den Arabischen Frühling in Ägypten mit seinem Motto "Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit".