Was wurde in den Jahren der Eurokrise nicht geschimpft auf die ach so undemokratische Demokratie. Technokraten, Bürokraten, selbstgerechte Diktate aus Brüssel, Washington und Berlin. Der Haken nur: Es stimmt nicht – zumindest nicht was Griechenland anbelangt. Der Triumph von Alexis Tsipras und die Mehrheit für sein linkes Parteibündnis Syriza sind Ausdruck eines lebendigen politischen Willens. Auch wenn Tsipras eine Koalition mit einer der kleinen Parteien bilden muss, weil seine Parlamentsmehrheit nur hauchdünn ist. Die Entscheidung führt zu einem Salto an der Spitze des Staates, der ganz allein durch die griechischen Wähler herbeigeführt wurde. 

Aber ist das jetzt verantwortungslos? Hat die Mehrheit in Griechenland ihren Verstand verloren? Die Lage hatte sich doch stabilisiert, die Bankrott-Gefahr schien überwunden. Erst zweieinhalb Jahre ist es her, dass die Bürger ihr Vertrauen den seit Jahrzehnten etablierten Parteien gaben – der konservativen Nea Dimokratia und der sozialistischen Pasok. Sie hatten sich klar zum Euro, zum Sparprogramm, zur Linie der internationalen Geldgeber bekannt, auch wenn diese Politik weiter schwere Opfer für die Bevölkerung bringen sollte. Jedem in Griechenland war klar, worauf er sich einließ. Dafür erhoffte man sich Stabilität. 

Und tatsächlich, es tat sich keine Erdspalte auf, in die das Land hineinfiel. Aber für die meisten Menschen ging es auch nicht aufwärts, obwohl die wirtschaftlichen Daten zumindest ansatzweise darauf hinwiesen. Was diese Regierung von Premier Antonis Samaras zustande gebracht hat, waren Kürzungen an allen Ecken und Enden – vor allem zulasten der Mittelschicht. Aber langfristige Strukturreformen in der Wirtschaftspolitik, die auch die europäischen Partner verlangten, der Abbau der Bürokratie, eine ernsthafte Anti-Korruptions-Politik ­blieben aus.

Die Ungerechtigkeit hat das Land zerrissen

Weite Teile der Bevölkerung leben seit Jahren am unteren Existenzminimum. 300.000 Familien können sich keinen Strom mehr leisten. Gleichzeitig bezahlen die Reeder-Millionäre und -Milliardäre kaum Steuern. Ultrareiche Steuerhinterzieher werden nicht einmal zur Rechenschaft gezogen – aus politischen Gründen. Diese Ungerechtigkeit hält auf Dauer keine Gesellschaft aus, sie hat Griechenland zerrissen. Deshalb ist es richtig, dass diese Regierung jetzt abtritt und mit ihr die über Jahrzehnte verknoteten Seilschaften der Macht. Wenn Tsipras seine Ankündigungen wahr macht, dann müssen viele nun um den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Es wird Zeit! 

Nun also: eine 180-Grad-Wende nach links. Wir können übrigens froh sein, dass es nicht in die andere Richtung ging. Die rechtsextreme Goldene Morgenröte legte seit 2012 bedrohlich stark zu. Ein politischer Mordfall aber und die folgenden Strafverfahren gegen die Spitzenpolitiker der Partei haben vielen die Radikalität dieser Organisation offenbart. Trotzdem sitzt sie wieder mit großer Fraktion im Parlament.

Aus Angst vor Veränderung dem Filz die Treue halten?

Griechenland ist nach dieser Wahl an einem Punkt angelangt, den der griechische Nationaldichter Konstantinos Kavafis einmal so beschrieb: "Und was machen wir jetzt ohne die Barbaren?" Für Alexis Tsipras bedeutet das: Die größten Widerstände sind hinfort, es gibt kaum Ausflüchte mehr. Noch nie hat es im Griechenland der Nachkriegszeit eine solche Mehrheit für eine Linksregierung gegeben. Jetzt muss der erst 40-jährige künftige Premier beweisen, ob er seine Versprechen einlösen kann.

Europa ist jedenfalls darauf gefasst. Das hat sich in den letzten Wochen vor der Wahl herausgestellt. Auch aus Berlin hielt man sich mit der Drohung eines Euro-Rauswurfs und den bekannten Angstszenarien zurück, nicht nur weil das eine illegitime Einmischung in den griechischen Wahlkampf bedeutet hätte. Der wichtigere Grund ist: Die Verhandlungen zwischen Kanzleramt, EU-Kommission und Syriza laufen über Mittelsmänner längst. Man wird sich einigen müssen, denn alle Beteiligten sind nicht daran interessiert, die Währungsunion und die politische Idee der Europäischen Union in die Luft zu sprengen. 

Geben wir Tspiras also einen Chance! So wie es die Menschen in Griechenland auch getan haben. Vielleicht ist dies sogar vernünftiger, als aus Angst vor der Veränderung dem Filz die Treue zu halten.