Für den US-Präsidenten war es die Nacht des Siegers. Barack Obama nutzte seine vorletzte Rede an die Nation, um Freund und Feind seine Erfolge vorzuführen. "Das Blatt in Amerika hat sich gewendet", sagte er.

Entspannt wie lange nicht ging er dann eine lange Liste von Errungenschaften durch, die er für sich in Anspruch nimmt. Dazu zählt für Obama vor allem die wirtschaftliche Erholung, die so stark sei "wie seit 1999 nicht mehr". Der größte Triumph ist für seine Regierung die Wende am Arbeitsmarkt, mit einer Arbeitslosenquote unter dem Niveau von vor der Krise 2008. Fortschritte auch bei der Bildung: Nie zuvor hätten so viele Schüler die High School abgeschlossen oder besuchten ein College. Und in Sachen Energie sei Amerika so unabhängig von ausländischen Ölimporten wie zuletzt vor 40 Jahren. Selbst den günstigen Benzinpreis schreibt sich Obama zugute.

Kaum zu glauben, dass dies der Präsident ist, dessen Partei vor knapp zwei Monaten eine vernichtende Wahlniederlage erlitten hat und der sich nun für den Rest seiner Amtszeit einem Kongress gegenüber sieht, der fest in der Hand der Republikaner ist. Wenn Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, und sein Parteifreund John Boehner, Sprecher des Repräsentantenhauses, mit einem durch ihren Sieg gedemütigten und kompromissbereiteren Präsidenten gerechnet hatten, muss ihnen ihr Irrtum spätestens jetzt klar sein.

Obama ist entschlossen, sein jüngst wieder zurückerobertes politisches Kapital zu nutzen. Er hat eine Zustimmungsrate von 46 Prozent nach den letzten Umfragen, eine so hohe Zustimmung hatte er zuletzt im Herbst 2013. 

Mehr Glaubensbekenntnis als To-do-Liste

Obamas Siegerrede richtete sich aber auch an seine Parteifreunde, von denen sich viele  im Wahlkampf vergangenes Jahr von dem unbeliebten Präsidenten distanziert hatten. Er habe zwei Wahlkämpfe geführt und beide gewonnen, sagt er an einer Stelle. Es geht für Obama nun darum, sein politisches Erbe zu sichern. Dazu gehört auch, dass er das Gelände für seine potenzielle Nachfolgerin Hillary Clinton vorbereitet. 

So ist die Agenda, die der Präsident in der Rede vorstellte, mehr als politisches Glaubensbekenntnis und Wahlprogramm denn als To-do-Liste zu verstehen. Zumal die meisten Vorschläge angesichts der republikanischen Mehrheit nicht den Hauch einer Chance haben, wie Obama selbst weiß.

Für jede Wählergruppe ist etwas dabei

So finden sich in seinem Programm für 2015 denn auch Versprechen für alle wichtigen Wählergruppen der Demokraten. Bezahlbare Kinderbetreuung, Mutterschaftsurlaub und bezahlte Krankheitstage, die 43 Millionen erwerbstätige Amerikaner bisher nicht haben. Das sind Themen, die vor allem Frauen ansprechen. An die schwarze Minderheit richteten sich seine Bemerkungen zu den Ereignissen in Ferguson und sein Ruf nach einer Reform von Polizei und Justiz. Sein Vorschlag, die Studiengebühren an kommunalen Colleges aufzuheben, hat bereits im Vorfeld bei Jüngeren für großes Echo gesorgt.