Wenn sich am Sonntag in Paris die wichtigsten europäischen Innenminister und US-Justizressortchef Eric Holder treffen, werden sie eine vorläufige Bilanz der Vorfälle in Frankreich ziehen: Sie werden Versäumnisse der Sicherheitsbehörden aufzählen und wieder einmal mehr Sicherheit versprechen. Gewährleisten können sie nichts.

Hinterher ist man immer klüger – doch das "Hinterher" der verheerenden Anschläge ist noch lange nicht in Sicht. Es wird viel Zeit vergehen, bis wir genau wissen, wer alles hinter den Anschlägen gestanden hat. Ob es Hintermänner und Drahtzieher gibt. Und selbst wenn eines Tages alle Einzelheiten zusammengetragen sind, wird man immer noch vor Rätseln stehen und sich schwer damit tun, exakt nachzuzeichnen, was sich im Kopf der mutmaßlichen Attentäter, der Brüder Saïd und Chérif Kouachi, im Laufe der Jahrzehnte abgespielt hat. Wie sie erst zu fanatischen Islamisten und dann zu eiskalten Mördern werden konnten.

Dennoch tauchen Dank der ersten Enthüllungen französischer Medien, allen voran Le Monde, bereits Fragen auf: Warum waren die Sicherheitsbehörden trotz vieler Erkenntnisse am Ende ahnungslos? Hätten sie zumindest Chérif Kouachi, nachdem er 2005 als Kämpfer in den Irak ausreisen wollte, lückenlos überwachen müssen, wie es einige jetzt fordern? Oder stimmt der alte Vorwurf, dass die staatliche Datensammel- und Überwachungswut statt mehr Sicherheit nur mehr Verunsicherung bringt?

Nach allem was bislang bekannt wurde, wussten Frankreichs Sicherheitsbehörden in groben Umrissen Folgendes: Chérif Kouachi, der sich auch den Namen Abou Issen zulegte, gehörte zur Gruppe Buttes-Chaumont, benannt nach einem Park im 19. Pariser Arrondissement. Ihre Aufgabe war es, in diesem Wohnbezirk junge muslimische Gotteskrieger für den Dschihad gegen die Amerikaner im Irak zu rekrutieren. Als Chérif Kouachi sich 2005 in den Mittleren Osten aufmachen wollte, wurde er verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er saß aber nur anderthalb Jahre ein, weil die zweite Hälfte der Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Untersuchungshaft und Gefangenenbefreiung

Im Gefängnis schloss er Freundschaft mit Amedy Coulibaly, dem Komplizen dieser Tage, der am Donnerstag, am Tag nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, zunächst im Süden von Paris eine Polizistin erschoss und dann am Freitag in einem koscheren Supermarkt an der Pariser Porte de Vincennes Geiseln nahm. Im Gefängnis lernte Kouachi auch Djamel Beghal kennen, einen äußerst radikalen Islamisten, der eine zehnjährige Haftstrafe wegen Anstiftung zu einem Anschlag gegen die amerikanische Botschaft in Paris absaß. Beghal wurde zu Kouachis geistigem Mentor.

Im Mai 2010 wurde Chérif Kouachi abermals festgenommen und blieb einige Monate in Untersuchungshaft. Ihm wurde versuchte Gefangenenbefreiung vorgeworfen, an deren Vorbereitung auch Amedy Coulibaly beteiligt gewesen sein soll. Geplant wurde die Flucht des muslimischen Extremisten Smaïn Aït Ali Belkacem, der wegen seiner Beteiligung an einem Anschlag aus dem Jahre 1995 auf die Bahnstation Musée d’Orsay in Haft saß. Doch die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Kouachi aus Mangel an Beweisen ein.

In dieser Zeit hatte er auch zu anderen Extremisten Kontakt, zum Beispiel zu Salim Benghalem, den die USA als einen besonders gefährlichen Kämpfer der islamistischen Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) einstufen und der sich in Syrien aufhalten soll. Oder zum Franko-Tunesier Boubaku Al-Hakim, dem vorgeworfen wird, im Jahre 2013 zwei tunesische Oppositionspolitiker ermordet zu haben. 

No-Fly-Liste und Schengen-Infosystem

Zum ersten Mal tauchte damals, so Le Monde, in den Ermittlungsakten, wenn auch nur ganz am Rande, der Name Saïd Kouachi auf. Er ist Chérifs um zwei Jahre älterer Bruder. Wie jetzt bekannt wurde, haben die amerikanischen Geheimdienste angeblich gewusst, dass Saïd 2011 für einige Monate in den Jemen gereist und von Al-Kaida im Waffenkampf ausgebildet worden sein soll. Hatten die Franzosen auch davon Kenntnis oder versäumten es die USA, ihre Informationen nach Paris weiterzuleiten?

Die Brüder Kouachi, heißt es, standen überdies auf der amerikanischen No-Fly-Liste. Sie ist Teil der sogenannten Terrorist Screening Database (TSDB), die sowohl vom National Counterterrorism Center als auch vom FBI gespeist wird. Diese No-Fly-Liste enthält Namen von Personen, die keine amerikanischen Staatsbürger und in den USA unerwünscht sind. Anscheinend wurden die Brüder Kouachi auch im Informationssystem der Schengen-Staaten erfasst und zur verdeckten Beobachtung ausgeschrieben.