Der Parteichef des Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras © Andreas Solaro/AFP

Treffen sich zwei Männer auf dem Marktplatz der Stadt Argos. Einer jung, einer alt. "Was ist hier los?", fragt der Alte und schaut verwundert auf die kleine Menschenansammlung. "Wir warten auf Alexis Tsipras", entgegnet der Junge, doch der sei spät dran. "Aber ja", sagt der Alte, "auf die Revolution warten wir schon lange."

Dann kommt sie doch, die Wagenkolonne. Und aus einem schwarzen Audi A4, älteres Modell, steigt er aus: Alexis Tsipras, 40 Jahre alt, Parteichef von Griechenlands Linksbündnis Syriza und wahrscheinlich der nächste Ministerpräsident des Landes. Lässiges Cordsakko, weißes Hemd und wie immer ohne Schlips. Sofort wird er aufgesogen in eine Menschentraube. Händeschütteln. Umarmungen. Küsschen rechts und links.

Der Straßenwahlkampf hat begonnen in Griechenland. Nur noch zwei Wochen bis zum 25. Januar, an dem über die politische Zukunft des Landes entschieden wird. Seit Wochen liegt Tsipras, der das Sparprogramm beenden und über die Schulden des Landes neu verhandeln will, in allen Umfragen vorn. Die Frage ist nur noch: Muss er eine Koalitionsregierung bilden oder gewinnt er sogar die absolute Mehrheit im Parlament? Unwahrscheinlich ist letzteres nicht mehr, denn in den letzten Tagen vor der Wahl hat sich eine Dynamik zu seinen Gunsten entwickelt. Das merkt man auch in Argos, einer Kleinstadt auf der Peloponnes.

"Er sieht gut aus"

In der Fußgängerzone geht Tsipras gut gelaunt von einem Geschäft zum anderen und plaudert mit den Leuten auf der Straße. Eine ältere Frau ruft ihm aufgebracht zu: "Alexis, mit den Verbrechern in Athen musst Du kurzen Prozess machen!" Sie meint die alten Eliten, die Cliquen aus Wirtschaft, Medien und Politik, zu denen Tsipras, der Aufsteiger, bisher jedenfalls nicht gehört. Er reagiert drauf geradezu besonnen: "Wir werden uns darum kümmern." Eine andere Frau telefoniert gerade mit dem Handy, als der Politiker plötzlich vorbeikommt. "Oh ja", raunt sie in die Leitung, "er sieht gut aus".

Dieser Mann hat eine starke Wirkung auf Menschen. In seiner eigenen Partei brachte ihm das den Spitznamen "Cool Alexis" ein. Tsipras setzt sich geschickt in Szene, ohne dass es unangenehm auffällt. Er drängt sich nicht in den Vordergrund, fast schüchtern wirkt er manchmal. Trotzdem zieht er die volle Aufmerksamkeit auf sich und weiß im richtigen Moment, diese zu nutzen.

Nach dem kleinen Sparziergang steigt Tsipras wieder in den Wagen, nicht hinten auf die Rückbank, wie Politiker sonst, sondern vorne zum Fahrer. Understatement. Ein fester Bestandteil seiner politischen Choreografie. Dabei stammt der Linkspolitiker nicht aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er im Athener Bürgertum. Es folgte ein Bauingenieur-Studium. Aber schon früh engagierte sich der sprachgewandte Charismatiker in den linken Kreisen der griechischen Schülerschaft, später in der Studentenbewegung. Gerade aus diesem Milieu bezieht Tsipras, der bei seinen Auftritten gerne in Jugendslang verfällt, breite Unterstützung.

Gegerbte Gesichter, Ouzo

Die Fahrt geht weiter vorbei an schier endlosen Plantagen aus Orangenbäumen. Es ist Erntezeit. Die Früchte hängen schwer an gebeugten Ästen. Ein Drittel der griechischen Orangenproduktion kommt aus dieser uralten Kulturregion, aus deren Mitte die Monumentalruinen der mythischen Königsstadt Mykene ragen, in der Agamemnon und Herakles sich vor mehr als 3.000 Jahren getummelt haben sollen.

Ankunft in einer Manufaktur, in der die Landwirte der Gegend ihre Orangen abpacken. Tsipras lässt sich alles zeigen, dann geht er mit den Bauern in das örtliche Kafenion, den traditionellen Treffpunkt der Männer in solchen Dörfern. Sonnengegerbte Gesichter. Alle rauchen. Alle haben ein Glas Ouzo vor sich auf dem Tisch. Die Landwirte sind eine Klientel, die Tsipras noch für sich gewinnen muss. Bisher konnten sie auf EU-Agrarsubventionen zählen. Viele haben nun Angst, dass es bei einem Euro-Aus damit vorbei sein könnte. Aber die Bauern leiden auch unter den niedrigen Marktpreisen für ihre Produkte: "50 Kilo Orangen müssen wir verkaufen, damit wir uns einen Liter Olivenöl leisten können", schimpft einer der Männer. Das Stichwort für Tsipras.