Dass es so schlecht läuft an diesem Abend, haben wohl selbst die Pessimisten in der Partei nicht erwartet. In Bussen werden viele Anhänger von Ministerpräsident Antonis Samaras angeliefert, auch Mitglieder aus der Jugendorganisation der Nea Dimokratia. Ein junger Mann, Pollunder, Polohemd, steht vor dem Eingang der Olympischen Sporthalle im Süden von Athen. Er telefoniert hektisch: "Wo bleiben die anderen?"

Schließlich sind es einige Hundert Jugendliche, die mit weiß-blauen hellenischen Flaggen in das Stadion einziehen. Eine der Tribünen füllt sich, im restlichen Zuschauerraum aber ist bei weitem nicht jeder Stuhl besetzt. Knapp 4.000 Plätze sollten von der Regierungspartei in Griechenland eigentlich zu füllen sein auf ihrer zentralen Abschlusskundgebung dieses Wahlkampfs. Außer Parteimitgliedern und ihren Familien aber scheinen kaum interessierte Bürger oder unentschlossene Wähler gekommen zu sein. 

Was hat Samaras seit seinem Sieg im Jahr 2012 falsch gemacht? Warum kann er die Bürger nicht weiter für seine Politik gewinnen, für den aus Brüssel und Berlin bestimmten Reformkurs? Seine Umfragewerte sind einen Tag vor der Wahl auf einen Tiefpunkt gesackt. Sicher, die vielen Steuererhöhungen, die weiterhin miserable Wirtschaftslage, die exorbitante Arbeitslosenquote von 25 Prozent – all das sind Gründe für den Niedergang. Doch eines nehmen ihm die Menschen besonders übel: Gegen die Korruption, den alles zersetzenden Krebs, wie die Griechen sagen, hat er nichts Spürbares unternommen. Schlimmer noch. Es geht so weiter wie bisher.

Samaras setzt auf alte Muster

Noch an diesem Donnerstag meldeten die Zeitungen in Athen, dass die Regierung mehr als 2.100 neue Jobs im öffentlichen Sektor schafft, obwohl Neueinstellungen im Wahlkampf gesetzlich untersagt sind – mit der Ausnahme eines dringenden Bedarfs. Die Maßnahme läuft außerdem voll und ganz den Vorgaben des Sparprogramms zuwider, aber sie entspricht dem alten Muster, nach dem in diesem Land jahrzehntelang Politik betrieben wurde: Samaras bedient die Interessen einer bestimmten Klientel, um dafür ihre Stimmen zu erkaufen.

Einen Mann, der diese Art der Politik schon lange anklagt, kann man derzeit nur mit einem diskreten Begleiter an seiner Seite antreffen: Der Investigativjournalist Kostas Vaxevanis steht unter Polizeischutz. "Ich war früher Kriegskorrespondent im Irak", sagt er, und neben ihm in einer Athener Imbissstube sitzt ein junger Zivilbeamter. "Aber selbst damals habe ich mich nicht so unsicher gefühlt wie jetzt." Vor einigen Wochen sollen Unbekannte versucht haben, Vaxevanis zu töten, weil er über eine Korruptionsaffäre in der griechischen Provinz berichtet hatte.

Steuerflüchtlinge aus Politik und Wirtschaft

Auch mit der Regierung hat sich Vaxevanis etliche Male angelegt. Sein größter Coup war die Veröffentlichung einer Liste mit den Namen von 2.000 Steuerflüchtlingen, darunter viele prominente Figuren aus der griechischen Wirtschaft und Familienangehörige von Spitzenpolitikern. Das Dokument hatte zuvor die griechische Regierung von der damaligen französischen Finanzministerin Christine Lagarde erhalten – nur sah sie lange Zeit keine Veranlassung, gegen die Steuersünder vorzugehen. Stattdessen wurde Vaxevanis verhaftet, weil er sensible persönliche Daten veröffentlicht hatte. Ein Gericht sprach ihn aber später von den Vorwürfen frei. 

Die Affäre um die Lagarde-Liste hat dann einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss nach sich gezogen – jedoch ohne nennenswerte Ergebnisse. All das fällt in die Amtszeit von Samaras.

An den Bürgern sind diese Ereignisse nicht unbemerkt vorbeigezogen, zumal ihnen gleichzeitig neue Steuern auferlegt wurden. Sie fühlen sich schlichtweg ungerecht behandelt. Jeder Kneipenwirt serviert einem heutzutage in Griechenland ungefragt eine Quittung zum Bier, weil er Angst vor der Steuerfahndung hat. Die Großen aber verschont man, sagen die Menschen, weil die zur Clique der Mächtigen gehören, die dieses Land seit Jahrzehnten beherrscht.

Tsipras könnte den Zirkel der Mächtigen durchbrechen

Nea Dimokratia und die sozialistische Pasok – einige wenige Familien haben in diesen beiden Parteien schon immer das Sagen gehabt, und aus ihrer Mitte kamen die Regierungschefs und viele Minister. Wie auch Samaras, dessen Onkel lange im Parlament saß und dessen Mutter der überaus einflussreichen Familie Benaki entstammt. 

In diese Kerbe schlägt nun mit voller Wucht der Herausforderer des Ministerpräsidenten: der Linkenpolitiker Alexis Tsipras. Dem politischen Neuling trauen viele zu, den Zirkel der Mächtigen zu durchbrechen. In jeder seiner Reden vor der Wahl hat er die Verfehlungen, die offensichtlichen Verstrickungen kritisiert. Samaras geht auf all diese Vorwürfe überhaupt nicht ein. Auch nicht an dem Abend in der Olympiahalle. Geholfen hat es ihm nicht.