Die Griechen haben gewählt, und das Ergebnis ist so ausgefallen, wie es zu erwarten war. Der Erfolg jener Parteien, die sich gegen eine Fortsetzung der radikalen Sparpolitik stemmen, ist kein Wunder. Unter dem Spardiktat der "Troika"aus EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds stieg die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr auf 27 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf über 50 Prozent. Das soziale Netz – freie Krankenversorgung, verlässliche Rentenzahlung – funktioniert nicht mehr; viele können sich keine Medikamente mehr leisten, andere wühlen in Mülleimern nach Essbarem. Drei Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Tüchtigen verlassen das Land, das ihnen keine Chancen bietet; die Zahl der Auswanderer schießt in die Höhe. Ebenso die Zahl der Selbstmorde.

Die staatliche Schuldenlast hat sich auf sagenhafte 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht. Die Hälfte der 240 Milliarden Euro Hilfsgelder, die Griechenland seit 2009 erhalten hat, ging jedoch als Rückzahlung ausgerechnet an die Banken, denen ein Gutteil Schuld an der hellenischen Misere zuzuschreiben ist.

Natürlich müssen die Griechen ihr Land weiter reformieren, die Verwaltung modernisieren, vor allen Dingen ein gerechteres Steuersystem aufbauen. Doch sollten wir uns nichts vormachen: Die Griechen werden niemals in der Lage sein, ihren Schuldenberg von 245 Milliarden Euro abzutragen. Einen weiteren Schuldennachlass fordert daher nicht nur der Wahlgewinner Alexis Tsipras; auch der abgewählte Antonis Samaras hat ihn verlangt. Die Bundesregierung, deren Haftungsanteil 55 Milliarden beträgt, lehnt ihn rundheraus ab. Doch wird auch sie am Ende wohl in den sauren Apfel beißen müssen. Und sie sollte sich auch aus geschichtlichen Gründen nicht kleinlich zeigen.

Ich habe in dieser Kolumne schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass das deutsche Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren weithin durch zwei Faktoren möglich geworden war: die 3,7 Milliarden Dollar Hilfsgelder aus dem Marshall-Plan und das Londoner Schuldenabkommen von 1953. In diesem Abkommen – monatelang ausgehandelt von Hermann Josef Abs, dem damaligen Sprecher der Deutschen Bank – wurde uns die Hälfte unserer Schulden in Höhe von 14 Milliarden D-Mark erlassen, die zu einem Teil noch aus Reparationsverpflichtungen stammten, die dem Deutschen Reich im Versailler Vertrag auferlegt worden waren, zum anderen Teil aus Hilfskrediten der Dawes- und Young-Pläne Ende der zwanziger Jahre und Zahlungen aus dem Marshall-Plan. Obendrein wurden uns für die Tilgung des Rests fünfzig Jahre Frist eingeräumt.

Kaum einer weiß hierzulande, dass wir die letzte Tranche unserer Rückzahlungen erst vor vier Jahren überwiesen haben – am 3. Oktober 2010. Noch weniger bekannt ist, dass unter den 70 internationalen Kreditgebern, die damals Verzicht leisteten und Zahlungsaufschub gewährten, auch Griechenland war; Alexis Tsipras hat jüngst in einem Artikel der Financial Times darauf aufmerksam gemacht.

Der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs bezog sich jetzt ebenfalls auf das Londoner Abkommen. "Hatte Deutschland 1953 den Schuldenerlass verdient?", fragte er im Guardian. Seine Antwort: "Das war damals nicht die Frage. Deutschlands neue Demokratie brauchte Unterstützung, Deutschland brauchte einen Neustart ... Und wie im Falle Deutschlands 1953, so lautet heute im Falle Griechenlands die richtige Frage, ob es den Schuldenerlass braucht und ob die Deutschen samt den anderen Kreditgebern ihn gewähren sollten. Die Antwort ist eindeutig. Die Eurozone hat die Wahl zwischen einem konstruktiven Schuldenschnitt-Abkommen und einem politischen Krach, dessen potenzielle Auswirkungen weit über Griechenland hinausgehen."

Die griechischen Schulden sollten zu sehr langfristigen, niedrig verzinsten Krediten umstrukturiert werden, schlägt Sachs vor – mit 0,5 Prozent zu verzinsen in den ersten fünf Jahren, mit 1 Prozent danach. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schwebt etwas Ähnliches vor: Er erinnerte jüngst an den Vertrag, in dem die Amerikaner den Briten nach dem Zweiten Weltkrieg die Tilgung ihrer Schulden bis zum Wiederanspringen der Wirtschaft erließen. 

Sachs und Stiglitz haben recht. Auf dem Spiel steht die Zukunft der Demokratie in Hellas – und nicht nur dort. Ich bleibe dabei: Wir sollten den Griechen gegenüber die gleiche Großherzigkeit an den Tag legen, wie sie die Alliierten 1953 uns Deutschen gezeigt haben.