Wenn sich das Muster der Nachrichten aus den vergangenen Tagen und Stunden fortsetzt, dann ist ein drohender Geldverlust das kleinste Problem, das die EU gerade mit Griechenland bekommt. Der bei weitem schlimmere Schaden droht ihrem Zusammenhalt, ihrer Integrität. Ja, man kann es so drastisch sagen: der Seele Europas.

Eines der ersten Manöver des neuen Links-Rechts-Bündnisses aus Syriza und Anel ("Unabhängige Griechen") war es, das politisch Wertvollste zu zerstören, das die Europäische Union in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat: den Konsens darüber, dass Russlands Verhalten auf der Krim und in der Ostukraine eine anhaltende Verletzung der Friedens- und Völkerrechtsordnung darstellt und dass all die Beteuerungen Moskaus, die Separatisten nicht zu unterstützen, schlicht lachhaft sind.

Beinahe zeitgleich mit der Ernennung seines Kabinetts schickte der neue Ministerpräsident Alexis Tsipras eine Mitteilung nach Brüssel, die klarstellte, dass Griechenland als einziger der 28 EU-Staaten nicht bereit sei, eine Erklärung zu unterzeichnen, die Russland die Verantwortung für den Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Mariupol zuweist.

Aus Skepsis kann sich natürlich jede europäische Regierung mit Schuldzuweisungen zurückhalten. Nur aus Sympathie für ein aggressiv antiwestliches Regime darf sie es nicht tun. Weil sie damit so ziemlich alle moralischen und rechtlichen Werte verrät, die Europa heilig sind. Dass sie aber genau diese abgründige Sympathie pflegt, drängt sich auf angesichts zahlreicher neuer Details, die gerade über das Personal und die Kontakte des Syriza-Anel-Bündnisses bekannt werden.

Der erste Diplomat, den Tsipras nach seinem Wahlsieg traf, war der russische Botschafter in Athen. Schon ein paar Tage zuvor hatte Putins Landwirtschaftsminister Syriza angeboten, das Einfuhrverbot für griechische Nahrungsmittel aufzuheben, sollte sich die neue Regierung gezwungen sehen, wegen ihrer Euroschulden die EU zu verlassen.

Bereits im Mai vergangenen Jahres traf Tsipras laut EUobserver in Moskau Parlamentarier und Putin-Vertraute – unter anderem um ihnen mitzuteilen, dass er das "Referendum" auf der Krim unterstütze und dass Europa sich durch die Sanktionen ins Knie schieße.

Bei den griechischen Sozialisten mischt sich offenbar eine ungebrochene Sowjet-Nostalgie mit realpolitischen Zukunftshoffnungen. Russland hat Deutschland 2013 als wichtigster Handelspartner Griechenlands überflügelt, und im wichtigsten Wirtschaftszweig, dem Tourismus, wächst der Anteil russischer Gäste am deutlichsten: 2013 um 42 Prozent.

Aber wie weit gehen die ideologischen Bande zu einer russischen Regierung, die sich immer deutlicher als möchtegern-globale Gegenmacht zum USA-EU-dominierten Westen aufbaut? Nikos Kotzias, der neue Syriza-Außenminister, ließ sich 2013 mit dem imperialistischen russischen Philosophen Alexander Dugin ablichten, der unter anderem durch eindrucksvolle Reflexionen über den richtigen Umgang mit Ukrainern berühmt wurde (seine Empfehlung lautete: "Töten, töten, töten!").

Kotzias ließ auch soziologische Studien über die Wahrnehmung Russlands in Griechenland anstellen. Vielleicht erklärt er den EU-Außenministern, die am heutigen Donnerstag zu einem Sondertreffen nach Brüssel reisen, was das Foto sollte, wie seine Beziehungen zu Dugin genau aussehen und was er mit den Studien bezweckte?

Als Verteidigungsminister erwählte Tsipras den Gründer der Anel, Pannos Kammenos, einen Mann, der im griechischen Fernsehen behauptete, Juden zahlten keine Steuern.

Der Moskau-kritische Blogger Christo Grozew veröffentlichte gestern den Text einer angeblichen E-Mail, die am 25. Oktober 2014 ein Syriza-Mitglied an den Dugin-Vertrauten Georgi Gawrisch geschrieben haben soll. Aus ihr gehe Folgendes hervor: Der heutige griechische Außenminister Kammenos habe sich nach einem geopolitischen Seminar plötzlich enthusiastisch für eine Zusammenarbeit mit Syriza ausgesprochen. Kurz danach sei er nach Moskau gereist und dann "in ziemlich eindruckvoller Weise wie von der Erde verschluckt" gewesen.

Die Frustration in Europa ist zu groß geworden

Die Mail stammt laut dem Blogger Grozew aus einem gehackten Account Gawrischs. Eine Bestätigung für diese Behauptung liefert Grozew nicht. Allerdings berichten auch andere Beobachter der Verbindungen zwischen russischen Nationalisten und europäischen Protestparteien, dass Alexander Dugin sich schon länger für Syriza interessiere. Der Blogger Anton Schekhowtsow zitiert Dugin mit den Sätzen (2013):

"In Griechenland sollten unsere Partner die Linkspolitiker von Syriza sein, die den Atlantizismus, den Liberalismus und die Dominanz der Globalfinanz ablehnen. (…) Es ist ein gutes Zeichen, dass solche nonkonformistischen Kräfte auf der Bühne aufgetaucht sind."

Nein, es ist überhaupt kein gutes Zeichen. Es zeigt nur, dass die Frustration in Europa mittlerweile groß genug ist, um Parteien an die Macht zu bringen, deren Verachtung des Systems so weit geht, sich mit ausgewiesenen Feinden der Freiheit zu befreunden. Ihr Sieg wird auch in den einschlägigen Kreisen in Deutschland Begeisterung auslösen (siehe dazu die Kommentare, die innerhalb der nächsten drei Minuten unter dem Beitrag aufploppen werden).

Den Griechen und dem Rest der EU ist jetzt nur eins zu wünschen: Dass diese Athener Regierung sich an ihrer inneren Widersprüchlichkeit und äußeren Absurdität möglichst schnell selbst zerlegt – bevor sie genau das mit Europa tut.