In den Athener Cafés der Linken, den autonomen Zentren, den marxistischen Vereinen und Kampfgruppen wird schon lange darüber diskutiert. "Diese Sanktionen!", schimpft einer der Intellektuellen, die sich dort treffen, "sie treffen uns in der Krise besonders hart." Vor allem die nordgriechischen Bauern hätten unter den Maßnahmen der EU gegen Russland zu leiden. Durch die russischen Gegensanktionen sei ein großer Teil ihrer Früchte in diesem Sommer in den Lastwagen vergammelt. Der Mann, ein Freund des neuen griechischen Ministerpräsidenten, ist wütend.

Bis zur Wahl am vergangenen Sonntag herrschte in Griechenland die Regierung von Antonis Samaras. Der alte Ministerpräsident hatte seit vergangenem Frühjahr alle Sanktionen gegen Russland mitgetragen. Der Linkspolitiker Alexis Tsipras, der seit Montag in Athen regiert, steht für eine andere Position. Und die Klagen der griechischen Bauern könnten deshalb bald Einfluss auf die europäische Politik in Brüssel nehmen.

Es geht um eine Ausweitung der Sanktionen gegen Russland. Am Donnerstag treffen sich die Außenminister der 28 EU-Staaten, um darüber zu beraten. "Selbstverständlich", sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, müsse die EU reagieren, wenn die prorussischen Separatisten auch Mariupol angreifen. Die Hafenstadt im Südosten der Ukraine ist das Ziel einer neuen Offensive: Bereits am vergangenen Freitag flogen Dutzende Grad-Raketen auf ein Wohngebiet, zerfetzten Autos, Häuser, Straßen. Mindestens 30 Zivilisten, darunter Kinder, starben, mehr als hundert Menschen wurden durch den Beschuss Mariupols verletzt.

Nicht mehr nur ein wirtschaftliches Problem

Wegen der neuen Eskalation in der Ukraine müsse die Europäische Union ihre Politik verschärfen, auf der Basis "kalter Tatsachen", hatte der Ratspräsident der EU, Donald Tusk, gefordert. Der Pole unterstützt den Kurs Angela Merkels. Seit dem Beginn des Ukraine-Konflikts telefonierte die Kanzlerin mehr als 35-mal mit dem russischen Präsidenten. Sie sei nicht sicher, ob Putin noch "Kontakt zur Realität" habe, sagte sie nach einem der Gespräche. Am Sonntagabend versuchte sie es noch einmal, telefonierte mit Putin, appellierte an Putin, wies auf die Folgen für Putin bei einer weiteren Eskalation hin. Es ist nicht bekannt, ob der russische Präsident Entgegenkommen signalisierte.

Das Problem der EU mit den Sanktionen ist zweigeteilt. Einerseits hat sie kaum andere Möglichkeiten, Druck auf Russland auszuüben, ein militärisches Eingreifen gilt als ausgeschlossen. Andererseits können Sanktionen nur von allen 28 EU-Mitgliedstaaten gemeinsam verhängt werden. An dieser Stelle kommt Alexis Tsipras ins Spiel. 

Noch am vergangenen Montag, dem ersten Tag nach der Wahl, empfing der 40-Jährige verschiedene Gäste und Gratulanten aus Griechenland. Der erste ausländische Diplomat im Büro von Tsipras war Andrey Maslow, der Botschafter Russlands. Und schon am Dienstag ließ Tsipras keinen Zweifel mehr an seiner außenpolitische Linie. Als erster Regierungschef eines EU-Landes sprach er sich öffentlich in einer Stellungnahme gegen weitere Sanktionen aus. Seine Regierung sei nicht konsultiert worden. Griechenland habe der gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs, die nach den Anschlägen auf Mariupol veröffentlicht wurde, nicht zugestimmt, erklärte Tsipras und legte Beschwerde bei der EU-Vertretung in Athen ein. Die EU hat mit Griechenland nun nicht mehr nur ein wirtschaftliches Problem. Jetzt geht es auch um die gemeinsame Linie in der Sicherheitspolitik. Tsipras könnte beides miteinander verknüpfen, um bei den Verhandlungen über die Schulden seines Landes eine bessere Ausgangslage zu haben.

Tsipras traf Putin-Vertraute, die auf der Sanktionsliste stehen

Die Verbindung zwischen Kreml und Tsipras besteht schon länger. Bereits im vergangenen Mai reiste der Grieche persönlich nach Russland. Zu einem Zeitpunkt, als die Krim bereits annektiert und in der Ostukraine ukrainische Kampfhubschrauber von den prorussischen Truppen abgeschossen wurden, setzte er sich mit der außenpolitischen Elite Putins an einen Tisch. Unter den Gesprächspartnern war unter anderem Valentina Matwijenko. Die Vorsitzende des russischen Föderationsrats bekleidet das dritthöchste Staatsamt in Russland und gilt als enge Vertraute Putins. Schon während des Treffens mit Tsipras stand Matwijenko auf der Sanktionsliste der USA, Australiens, Kanadas und der EU. Ein Parteifreund Tsipras', der bei der Gesprächsrunde mit dabei war, sagte im Anschluss, das Treffen sei "eine Gesprächsbrücke" gewesen, "die nützlich für die Zukunft sein wird".

Zu Hause in Athen muss Tsipras nicht einmal an die russisch-griechische Geschichte erinnern, um Zuspruch für seine Russland-Politik zu bekommen. Das russische Einfuhrembargo, das nach Logik des Kreml nur als Reaktion auf die EU-Sanktionen erhoben wurde, trifft Griechenland hart. "Mehr als 60 Prozent unserer Pfirsichexporte gehen nach Russland. Und 90 Prozent der Erdbeerproduktion", sagte Christos Yannakakis, Vorsitzender der größten Vereinigung von Landwirten in Nordgriechenland. Etwa ein Viertel des griechischen Bruttoinlandsprodukts basiert auf dem Agrarsektor, der auf den Handel mit Russland angewiesen ist. Noch bedeutender aber sind Öl- und Gasimporte aus Russland. Das Handelsvolumen der beiden Länder belief sich im Jahr 2013 auf 9,3 Milliarden Euro. Griechenland importiert mehr Güter aus Russland als aus Deutschland. Ein weiteres Problem ist der Tourismus. Gerade das Geschäft mit russischen Urlaubern entwickelte sich in jüngster Zeit sehr gut. 2013 stieg laut griechischer Tourismusbehörde der Umsatz um 42 Prozent auf 1,34 Milliarden Euro. Aber: Je niedriger der Rubel, desto schwieriger wird es für Russen dieses Jahr, ihren Urlaub an der Ägäis zu verbringen.

Unterstützung im Wahlkampf?

Viele Griechen sehen die Russen als ewige Brüder und Schwestern im orthodoxen Glauben. In der gemeinsamen Geschichte gab es häufiger Momente, in denen man sich der gegenseitigen Unterstützung sicher sein konnte. Zuletzt etwa Ende der 1990er, als in Griechenland und Russland großer Widerstand gegen eine Bombardierung Serbiens durch die Nato herrschte.

Beobachter der russischen Außenpolitik bezeichnen Griechenland mit der neuen Regierung bereits als Russlands "Trojanisches Pferd" in der EU. Denn auch der Koalitionspartner Tsipras', die Partei "Unabhängige Griechen" des Rechtspopulisten Panos Kammenos, pflegt sehr enge Verbindungen zum Kreml. Kammenos Parteifreunde besuchten noch im Januar Moskau.

Erwiesen ist, dass die russische Regierung mögliche politische Verbündete in Westeuropa – egal ob aus dem rechten oder linken Lager – auch finanziell unterstützt, beispielsweise den Front National in Frankreich. Ob die "Unabhängigen Griechen" und Tsipras' Parteibündnis Syriza für ihren Wahlkampf auch Hilfe in Anspruch genommen haben, ist nicht bekannt.

Gleich am ersten Tag nach dem Wahlerfolg bekam Tsipras aber zumindest verbal Unterstützung aus Moskau. Noch bevor der neue Ministerpräsident Griechenlands in den Präsidentenpalast zur Vereidigung fuhr, empfing er eine Nachricht des russischen Präsidenten. Wladimir Putin teilte mit, er sei sich sicher, dass "Russland und Griechenland ihre traditionelle konstruktive Zusammenarbeit ausbauen und so die derzeitigen europäischen Probleme lösen werden".